Für 365 Euro im Jahr so viel mit Bus, Straßen- und U-Bahn fahren wie man möchte. Gleich zwei solcher Vorhaben sollen das möglich machen: Einmal kommt der Plan von der bayerischen Regierung, das andere Mal von der Nürnberger Partei „Die Linke“. So oder so: Das Angebot klingt verlockend. Doch es gibt auch Verlierer – und eine Menge Stellschrauben, an denen man drehen könnte.

So sinnvoll ist das 365-Euro-Ticket

22. Mai 2020

Es ist beschlossene Sache: Zum Schuljahr 2020/21 werden rund 360.000 Schüler:innen und Azubis im Verkehrsverbund Großraum Nürnberg (kurz: VGN) ein 365-Euro-Ticket kaufen können. Da der VGN nach dem Verkehrsverbund Berlin-Brandenburg der zweitgrößte in ganz Deutschland ist, kommen die Schüler:innen damit richtig weit: Von Lichtenfels im Norden bis Treuchtlingen im Süden, von Kitzingen im Westen bis Amberg im Osten.

Das 365-Euro-Ticket für Schüler:innen hatten sich die bayerischen Regierungsparteien CSU und Freie Wähler nach der Landtagswahl 2018 in ihren Koalitionsvertrag geschrieben. Ähnliche Tickets für weitere Teile der Bevölkerung und andere Regionen sollen folgen. 2023/24 will die Regierung ein Zwischenfazit ziehen. Bis dahin zahlt der Freistaat Bayern den Verkehrsbetrieben zwei Drittel der Mindereinnahmen, die durch das 365-Euro-Ticket bei manchen Verkehrsbetrieben entstehen. Die jeweiligen Landkreise oder kreisfreien Städte wie Nürnberg übernehmen den Rest.

Lokalbrief-Fortsetzung: Für 9965 Schüler:innen wird’s teurer

Doch: Die Stadt Nürnberg bietet 14.631 Schüler:innen (ebenso wie Augsburg) bereits vergünstigte Tickets für das Stadtgebiet an. 11.506 weitere Schüler:innen bekommen aufgrund bestimmter Voraussetzungen sogar ein komplett kostenloses Ticket für das Stadtgebiet. Das teilte das städtische Schulreferat dem Lokalbrief Nürnberg mit. Nur „etwa ein Viertel der Schüler geht bislang komplett leer aus“, schätzt Nürnbergs 3. Bürgermeister Christian Vogel (SPD). Er sitzt zugleich im Aufsichtsrat der Nürnberger Verkehrsbetriebe „VAG“. Die VAG ist eine von rund 20 Gesellschaften, die zusammen den VGN bilden.

Konkret zahlen Fünft- bis Zehntklässler:innen dank eines Zuschusses von der Stadt nur 27,40 Euro pro Monatsticket, Schüler:innen bis zur 13. Klasse 37,70 Euro. Während Anspruchsberechtigte, die bislang ein kostenloses Ticket bekamen, weiterhin nichts zahlen, gilt für die anderen: Die 4666 Elft- bis 13.Klässler:innen, die bisher auf 452,40 Euro im Jahr kamen oder Schüler:innen, die bislang überhaupt keine Unterstützung erhielten (genaue Zahl liegt dem Lokalbrief nicht vor), stellen sich nun besser. Die 9965 jüngeren Schüler:innen, die bislang den vergünstigten Tarif (und damit 328,80 Euro im Jahr) zahlten, müssen für das neue Ticket des Freistaats mehr berappen.

Die bayerische Regierung spricht davon, dass das neue Ticket, „zu mehr Bildungsgerechtigkeit beiträgt“, weil es für alle gilt und noch dazu im gesamten VGN- statt wie bisher nur im VAG-Gebiet gilt (Quelle). Die Stadt Nürnberg derweilen hat bereits angekündigt, sich aus der Finanzierung der Schülertickets zurückziehen: „Eine Doppelsubventionierung geht nicht“, erklärt Nürnbergs 3. Bürgermeister Christian Vogel (SPD).

„Die Linke“ möchte mehr

So oder so: Am Semesterticket für Studierende ändert die Regelung des Freistaates nichts. Womöglich schafft dies aber die Form des 365-Euro-Tickets, das die Nürnberger Partei „Die Linke“ bis zum 1. Januar 2021 eingeführt sehen will. Sie hatte bis März 21.201 Unterschriften in Nürnberg gesammelt, um ein 365-Euro-Jahresticket für alle Nürnberger:innen auf den Weg zu bringen – gültig vorerst nur in der Stadt Nürnberg.

Zwei 365-Euro-Ticket-Varianten sind im Gespräch: eine von der bayerischen Regierung (links im Bild); eine andere von der Nürnberger Partei „Die Linke“ (rechts im Bild).  Zeichnungen: Alexander Zitzke

Der weitere Prozess ist jedoch tricky. Aus der erfolgreichen Unterschriftensammlung (dem sogenannten Bürgerbegehren) soll – wenn’s nach der „Linken“ geht – noch in diesem Sommer ein Bürgerentscheid werden. Befürwortet die Mehrheit der Nürnberger:innen dabei das Vorhaben, wird daraus ein Auftrag des Stadtrats an den VGN. All seine Mitglieder müssten dem Plan für Nürnberg einstimmig! zustimmen. Erst dann könnte das Ticket eingeführt werden.

Während Nürnbergs 3. Bürgermeister Christian Vogel (SPD) skeptisch ist, „warum sollten Bamberger einem 365-Euro-Ticket für die Stadt Nürnberg zustimmen?“, ist der Initiator des Bürgerbegehrens, Titus Schüller, Stadtrat von „Die Linke“, optimistisch: Er hofft, „dass Nürnberg als größter Verbundspartner den Anfang macht“ und dann „die Idee eines solchen Tickets im VGN-Verbund neu bewertet wird.“

Wohl wissend, dass auch ein Jahresticket für 365 Euro für manch eine:n noch happig ist, fordert „Die Linke“ noch ein ermäßigtes Monatsticket in Höhe von 15 Euro für Schüler:innen, Azubis, Studierende sowie NürnbergPass-Inhaber:innen (Alleinerziehende, Rentner:innen und weitere Personen, denen nur ein geringes Budget im Monat zur Verfügung steht). Denn letztere zahlen aktuell 32,40 Euro für eine Monatskarte, die montags bis freitags nicht zwischen sechs und acht Uhr gilt. Das morgendliche Zeitfenster um ihr Kind in die Betreuung zu bringen, damit sie arbeiten gehen kann, ist damit sehr knapp, berichtete eine alleinerziehende Mama aus Nürnberg. „Die Linke“ will deshalb, dass sowohl das 365-Euro-Ticket als auch die ermäßigte Monatskarte rund um die Uhr gelten.

Nürnbergs Kämmerer ist ratlos

„Das 365-Euro-Ticket wie es sich ,Die Linke‘ vorstellt, wird jährlich zwischen 23 und 34 Millionen Euro kosten – je nachdem, ob es wirklich nur für Nürnberg oder die gesamte Tarifstufe A, also mit Fürth, angeboten wird“, sagt Nürnbergs Kämmerer, Harald Riedel (SPD). Er kennt die Zahlen der Stadt seit Jahren haargenau. Und sieht mit Blick auf die finanziellen Folgen von Corona, „schon jetzt 148 Millionen Euro, die im laufenden Haushalt bis Ende 2020 fehlen. Da sind weitere 23 oder 34 Millionen Euro schwer aufzubringen.“

Eine Erhöhung der Parkgebühren oder die Nutzung von Geldern von Gehwegparkern, wie sie Marion Padua, Stadträtin der „Linken Liste“, ins Spiel brachte, entkräftet der 3. Bürgermeister der Stadt, Christian Vogel (SPD) so: „Die Parkgebühren in Bayern sind gedeckelt. Mehr als 2,60 Euro pro Stunde erlaubt der Freistaat Bayern nicht. Mit maximal 2,50 Euro sind wir eh schon fast an dieser Grenze. Und damit kommen wir in Nürnberg pro Jahr auf gerade mal rund zwei Millionen Euro.“ Er appelliert deshalb an Bund oder Freistaat als Mitzahler für den öffentlichen Personennahverkehr. „Doch der ist dazu in letzter Zeit auf Tauchstation gegangen“, sagt SPD-Stadtrat Throsten Brehm, der deshalb per Brief bei der bayerischen Staatsregierung nachgehakt hat, wie intensiv der Freistaat künftig den Öffentlichen Personennahverkehr in den einzelnen Kommunen mitfinanzieren wird. Die Antwort steht noch aus.

„Eine Frage des politischen Willens

Marion Padua von der Partei „Linke Liste“ macht die Finanzierungsfrage wütend. Seit gut zehn Jahren sitzt sie im Stadtrat. Seit acht Jahren sind die Fahrpreise der VAG ihr Thema. „Egal, ob neuer Konzertsaal oder Frankenschnellweg, überall höre ich: ,Wollen wir, bauen wir, zahlen wir.‘ Nur beim Öffentlichen Personennahverkehr für alle, zäumen wir das Pferd von hinten auf und fragen zuallerst nach den Kosten. Dabei ist es doch eine Frage des politischen Willens.“ Sie ist davon überzeugt, dass ein günstigerer Personennahverkehr neue Kunden bringen würde.

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Politiker:innen deutschlandweit schauen bei dem Thema immer wieder auf die österreichische Hauptstadt Wien. Diese hat 2012 das 365-Euro-Ticket eingeführt. „Wir haben aber schon viele, viele Jahre zuvor begonnen, in die Attraktivität unseres Nahverkehrs zu investieren – beispielsweise durch den Ausbau des Straßenbahn- und U-Bahnnetzes. Das machen wir bis heute“, berichtete Daniel Amann, Pressesprecher der Verkehrsgesellschaft „Wiener Linien“, dem Lokalblog Nürnberg. Denn:  „Der Preis allein ist es nicht, der vom Auto zum Umsteigen bewegt.“

Ein Lokalblog-Pionier sieht das ähnlich. Warum er Auto fährt? „Mangels Alternativlosigkeit. Wie willst Du aus dem Landkreis Ansbach nach Nürnberg kommen? Ich könnte mit dem Auto nach Ansbach fahren und dort die S-Bahn nehmen. Bis ich da bin, bin ich schon auf der A6, aber auch schon in Schwabach.“ Taktung, Schnelligkeit der Verbindung und auch Attraktivität (Sitzkomfort, WLAN in Bussen oder ähnliches) spielen also bei der Wahl des Verkehrsmittels eine gewichtige Rolle – und müssen insbesondere dann stimmen, wenn man auch Einpendler oder Personen am Stadtrand erreichen möchte.

Ein Bündel an Maßnahmen ist nötig

Ein Blick in die estnische Hauptstadt Tallinn untermauert das. Der Öffentliche Personennahverkehr ist dort seit 2013 für die Bewohner:innen der Stadt kostenlos – Nicht-Tallinner müssen weiterhin zahlen. Der Verband Deutscher Verkehrsunternehmen (VDV) schrieb mit Blick auf Tallinn dazu 2018 in einem Positionspapier: „Tarifsenkungen wirken erst in einem ganzheitlichen Gesamtkonzept.“ Andernfalls wechseln auf das 365-Euro-Ticket nur Kunden, die eh schon Tickets besitzen, nur eben die teureren.

Oder Unternehmer:innen freuen sich. „Diejenigen, die ihren Mitarbeitenden bisher fürs Jobticket einen Zuschuss zahlten, lachen sich doch ins Fäustchen, wenn die Finanzierung künftig wer anders übernimmt“, meint Gerhard Probst, Inhaber der Dresdner Marketing-Beratung „Probst & Consorten“. Sein Unternehmen ist auf die Strategie-Entwicklung im Marketing für den öffentlichen Verkehr spezialisiert. Es hat im Auftrag des Kämmerers Harald Riedel und der VAG 2014 und 2018 untersucht, wie sinnvoll ein 365-Euro-Ticket für Nürnberg ist – und den Daumen mangels Wirtschaftlichkeit gesenkt.

Nischen und neue Finanzierungsquellen

Sein Rat: Die Stadt Nürnberg sollte wie die Regensburger oder Linzer (Österreich) die Nische an Angeboten suchen, um Leute wirklich zum Umsteigen vom Auto zu bewegen: „Wenn die Großeltern mit den Enkeln am Wochenende in den Tiergarten fahren wollen, muss das Tagesticket für kleine Gruppen attraktiv sein. Da kann man Nachfrage wachküssen“, sagt Gerhard Probst.

VAG-Aufsichtsratsmitglied Christian Vogel (SPD) bringt zudem einen Versuchsballon ins Spiel: „Lasst uns doch im nächsten Schritt zunächst das klassische Neun-Uhr-Ticket von 37,90 Euro auf 30 Euro pro Monat absenken. Das sind etwa die 365 Euro. So könnten wir die Akzeptanz in der Bevölkerung testen.“ Marion Padua von der „Linken Liste“ protestiert: „Diese Ausschlusszeiten müssen weg. Die Tickets müssen rund um die Uhr gelten.“

Alternativ könne man sich laut dem Berater Gerhard Probst auch an Wien orientieren: Dort zahlen Unternehmen seit 1970 eine Dienstgeberabgabe. Christian Vogel, der SPD-Bürgermeister, rechnet vor: „Pro sozialversicherungspflichtigem Arbeitnehmer und Woche sind es dort zwei Euro. Bei rund 320.000 sozialversicherungspflichtig Angestellten in Nürnberg, macht das 32 Millionen Euro im Jahr. Das ist fast das Geld, was uns das 365-Euro-Ticket kosten würde. Nur müsste dazu erst der Freistaat Bayern die gesetzliche Grundlage ändern.“

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