Hast Du schon mal "Activity" gespielt? Das Gesellschaftsspiel der 1990er, bei dem man seinen Mitspieler:innen Begriffe erklären muss? Ein Heidenspaß für die anderen; super stressig für den/diejenige, die neben der Sanduhr erklären oder zeichnen muss. Insbesondere wenn (mangels Fähigkeiten oder Zeit) Details nicht so deutlich herausgearbeitet werden, wie es nötig wäre. Journalismus, der unter Zeitdruck entsteht, ist ähnlich.

Warum guter Journalismus Zeit braucht

5. Juni 2020

Rund 2300 Menschen in Nürnberg sind wohnungslos. Von Notschlafstellen über die Wärmestube bis hin zur Hilfestelle für von Wohnungslosigkeit betreute Jugendliche in der Stadt: In Nürnberg gibt’s so einige Angebote. Behörden sagen dies, Initiativen das. Ein paar Pressemitteilungen, ein paar Anrufe. Thema erledigt.

So oder so ähnlich hätte ein flotter Beitrag über Euer Wunschthema der Woche „Obdachlosigkeit“ geklungen. Doch was ich bei dieser Recherche schnell merkte: Dieses Thema braucht mehr Zeit. Guter Journalismus braucht Zeit.

Fortsetzung aus dem Newsletter >> Luft holen und die Perspektive überdenken

Fehlt die Zeit, kommt die Recherche von weiteren Meinungen zu oder Blickwinkeln auf ein Thema zu kurz. Ausgewogenheit, Richtigkeit und damit auch Glaubwürdigkeit leiden, wenn fürs Luftholen, Einordnen und/oder Hinterfragen keine Zeit mehr bleibt. Dabei sind es Journalist:innen, die mit ihrer Arbeit ein Bild der Realität zeichnen. Unter Zeitdruck wird das ein Zerrbild.

Viele bestehende Medien stecken in der Zwickmühle: Werbeeinnahmen brechen weg, sparen ist angesagt. Immer weniger Journalist:innen müssen immer mehr Arbeit leisten. Im Internet zählt für viele Medienhäuser zudem Schnelligkeit, um Meldungen vor der Konkurrenz veröffentlichen zu können. Das bringt Klicks, Leser:innen und diese wiederum Werbeerlöse. An diesem Wettbewerb wollen wir uns mit Lokalblog Nürnberg nicht beteiligen! Übers Geld reden wir später.

Wir nehmen uns die Zeit, die die Themen brauchen

Wir sind einzig und allein Dir und den anderen Lokalblog/-brief-Nutzer:innen verpflichtet. Mit unserem deutschlandweit einzigartigen Ansatz, ausschließlich lösungsorientierte Lokalnachrichten mit Tiefgang zu produzieren, verstehen wir uns als Ergänzung zu den bestehenden Angeboten.

Das Rennen um die Erstmeldung und den Zeitdruck machen wir deshalb nicht mit. Statt vieler kleiner Häppchen zu einem Thema gibt es bei uns einmal einen längeren Text, der dafür aber auch in die Tiefe geht und Dir hilft, wirklich informiert zu sein.

Audio-Aufnahmen, Eure Fragen, Fotos, Mitschriften (ein voller Din-A5-Block allein mit den Gesprächen von Hilfsorganisationen), diverse E-Mails und weitere Lektüren sowie Seiten mit Brainstorming für die Gliederung. Bei einer ausführlichen Recherche kommt einiges zusammen. Foto: Alexandra Haderlein

Vom Quickie zur Geschichte mit Tiefgang

Weder die Texte des Lokalblogs/-briefs noch unsere Zeichnungen entstehen binnen eines halben Tages oder Tages. Deutlich! mehr Zeit ist nötig. Weil wir bereits dem Finden wirklich relevanter Themen sowie der anderen Perspektive darauf Aufmerksamkeit widmen. Weil wir uns Gedanken machen, wie wir die Geschichten erzählen und visualisieren können.

Weil wir darauf angewiesen sind, dass uns Interviewpartner:innen antworten – schließlich warten nur die wenigsten darauf, dass wir sie anrufen. Ja, einige nehmen uns als neues Medium auch noch! gar nicht richtig wahr oder ernst. Wir hingegen bleiben hartnäckig bei der Recherche und reservieren auch für den Dialog mit Dir viel Zeit, weil er, weil Du uns wichtig bist!

Du und Lena-Marie, Ihr seid uns beide wichtig

Es ist auch ein Unterschied, ob ich blanke Fakten oder Einschätzungen von eine/r Behörde benötige, oder mit Menschen über ihre Erfahrungen und Gefühle spreche. Um jemanden in sein Leben blicken zu lassen, erst recht, wenn es einige Verästelungen genommen hat, braucht es Vertrauen. Das baut sich nicht in 15 Minuten auf.

In einer schnell recherchierten Geschichte wäre ich zum Beispiel der 30-jährigen, nennen wir sie Lena-Marie, niemals gerecht geworden. Ich habe sie bei meinem Besuch der Wärmestube vor ein paar Tagen getroffen. Wir saßen mit Mundschutz und Corona-Sicherheitsabstand in der Sonne und sind schnell ins Gespräch gekommen.

Sie hat mir von sich erzählt, von ihrem Leben ohne festen Wohnsitz. Ich hätte noch tiefer bohren können, vielleicht wäre mir das sogar gelungen. Doch Journalismus auf Augenhöhe beginnt bei Dir und geht weiter zu meinen Interviewpartner:innen.

Ich werde sie suchen

Weil Lena-Marie und ich uns so kurz kannten, habe ich trotz mancher Steilvorlage bewusst nicht tiefer nachgefragt. Wer weiß, welche Wunden die eine oder andere scheinbar harmlose Frage meinerseits bei Ihr aufreißt?

Lena-Marie dann im wahrsten Sinne des Wortes damit sitzen lassen, weil ich ja mein griffiges Zitat habe und weiter hechte zur nächsten Geschichte, dem nächsten Termin? Tschüss und auf Wiedersehen. Definitiv nicht mit Lokalblog/-brief Nürnberg!

Ich werde Lena-Marie stattdessen in den nächsten Tagen suchen gehen. Sie hat mir gesagt, wo ich sie finden kann. Wie viel Erfolg ich haben werde? Ich weiß es nicht. Aber auch das macht Journalismus aus: Offen und ohne vorgefasste Meinung oder gar ein Drehbuch in eine Recherche zu gehen – und sie kontinuierlich anzupassen. Denn ohne Zeitdruck ist das möglich.

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