Wer ist obdachlos? Zwei Wochen lang habe ich für Euch recherchiert und dabei alles getroffen, nur nicht das Klischee vom Mann um die 50 in schmuddeliger Kleidung und mit Schnapsflasche unter der Brücke. Dafür aber Jugendliche mit Plänen, Erwachsene, die mir Einblicke gaben in ihren Alltag (als Betroffene oder Helfer:innen) und mehrere Ansätze, um das Leben von obdachlosen Menschen zu verbessern.

Obdachlosigkeit: Wirf Dein Klischee in die Tonne

12. Juni 2020 Lesezeit: 13 Minuten

„Wir sind die Wegbegleiter für Jugendliche auf einem Stück ihres Weges durch die Hölle“. So beschreibt Sozialpädagoge Bo T. (42) seinen Job. Er ist hauptamtlicher Mitarbeiter im Sleep-in, einer Notschlafstelle für wohnungslose 14- bis 21-Jährige. An 365 Tagen im Jahr finden sie unweit der Königstraße einen Schutzraum. Hölle, Schutzraum… Die Bedeutung dieser Begriffe, habe ich erst in dieser Nacht wirklich verstanden.

Es ist schon kurz vor Mitternacht und damit bald Schlafenszeit für die bereits anwesenden Jugendlichen. Da klingelt es. Kurze Zeit später sitzt eine Jugendliche am Küchentisch, den Kopf auf die Tischplatte gelegt. Sie zittert am ganzen Körper. Die Sohlen ihrer Turnschuhe quietschen leise bei jedem Wippen ihrer Füße auf dem Linoleum-Fußboden – und sie wippen in rasendem Tempo. Ihre Angst ist sicht- und spürbar.

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Zeichnung: Alexander Zitzke

Auf der Straße habe es handfesten Streit gegeben. „Ich habe die Polizei gerufen und bin dann direkt zu Euch gelaufen“, sagt sie, während sie kurz aufsieht und sich vor Entsetzen das Gesicht reibt. Schutzraum. Die Mitarbeitenden des Sleep-in nehmen das ernst: „In die Einrichtung kommt niemand Unbefugtes rein“, versucht Bos Kollegin Isa M. (28) die aufgelöste Jugendliche zu beruhigen. Ansonsten hört sie erst einmal zu, kocht Tee, gibt Zeit zum An- und Runterkommen.

Die Jugendlichen bestimmen, ob und was sie erzählen möchten. „Meine Aufgabe ist es nicht, jemanden zu verurteilen“, hatte mir Isa M., die soziale Arbeit studiert, zuvor erklärt. „Ich akzeptiere sie, so wie sie sind. Und ich möchte, dass die Jugendlichen und jungen Erwachsenen das Gefühl haben, dass jemand an sie glaubt, wenn sie das Gefühl haben, dass keiner mehr an sie glaubt.“

Probleme zuhause, Anpassungsschwierigkeiten in anderen Jugendschutzeinrichtungen oder sonstiger Stress treibt die jungen Erwachsenen aus ihren Wohnungen ins Sleep-in. Sprich: Obdachlosigkeit beginnt nicht erst bei Erwachsenen, sondern schon deutlich früher. Die Altersspanne der laut dem Sozialamt circa 2300 obdachlosen Personen in Nürnberg reicht von 0 bis 86 Jahren. Unter ihnen seien 325 Kinder, 73 Jugendliche (im Haushalt mit den Eltern oder zumindest einem Elternteil) sowie 195 junge Erwachsene.

Wer gilt eigentlich als obdachlos?

Wohnungslos sind Menschen, die keine Wohnung besitzen und auch nicht zur Miete wohnen. Sie fallen kaum auf, weil sie zum Bespiel bei Freunden, Verwandten oder in Notunterkünften unterkommen. Wer weder festen Wohnsitz noch eine Unterkunft hat, gilt als obdachlos.

Keine Dauereinrichtung

Sechs Nächte pro Monat können die 14- bis 21-Jährigen im Sleep-In bleiben. Dann braucht es eine Wohn-Perspektive, an der die Sozialarbeiter des Sleep-in mit den Jugendlichen arbeiten. Das kann von zurück in die Familie oder in die Jugendschutzeinrichtung bis hin zur Pension alles sein.

Viele kleinere und etliche größere private Pensionen kooperieren mit der Stadt – nicht erst seit Corona. Sie vermieten ihre Drei- bis Vierbett-Zimmer an obdachlose Menschen und die Stadt bezahlt dafür. Denn es ist laut Landesstraf- und Verordnungsgesetz (Artikel 6 und 7) sowie Artikel 57 der Bayerischen Gemeindeordnung Aufgabe jedes Kreises Obdachlosigkeit zu beseitigen.

Den meisten siehst Du die Obdachlosigkeit nicht an

Einer, der womöglich demnächst vom Sleep-In in solch ein Angebot wechseln könnte, ist Julian M.. Die genauen Gründe seiner verzwickten Lage möchte er lieber für sich behalten. Er arbeitet in einem sozialen Beruf und will eine weitere Ausbildung draufsatteln, „wenn die anderen Baustellen geklärt sind“. Er ist 20 Jahre alt, still und freundlich.

Wenn ich bei dieser zweiwöchigen Recherche eines gelernt habe, dann, dass man den meisten Menschen Obdachlosigkeit nicht per sé ansieht: Obdachlos gleich Drogen gleich schmutzig – eben nicht. „Wie oft ich dieses Klischee schon gehört habe“, sagt Isa M.

Roland Stubenvoll, Leiter der Straßenambulanz in Nürnberg-Gibitzenhof, vor der Einrichtung.   Foto: Alexandra Haderlein
Roland Stubenvoll, Leiter der Straßenambulanz in Nürnberg-Gibitzenhof, vor der Einrichtung. Foto: Alexandra Haderlein

Wirklich selber schuld?

Ja, sicherlich hat irgendwie jeder sein Quäntchen dazu beigetragen, dass die Situation ist, wie sie ist. Aber eine Aussage von Roland Stubenvoll, dem Leiter der Caritas Straßenambulanz „Franz von Assisi“, blieb mir dennoch hängen: „Eine Frau, stark abhängig von harten Drogen. Manch einer sagt da schnell ,selber schuld‘. Würden Sie das immer noch sagen, wenn Sie erführen, dass die Frau schon seit dem Kleinkind-Alter sexuell missbraucht wurde und die Drogen ihr Versuch waren, mit dem Leid umzugehen? Ist sie dann immer noch alleine schuld?“ Beispiele solcher Art gebe es zuhauf, sagt Stubenvoll. Und er muss es wissen, denn er kennt zahlreiche Lebens- und Leidensgeschichten.

Vom einst Selbstständigen bis zum prekär Beschäftigten

In die von ihm geleitete Straßenambulanz in der Nürnberger Südstadt kommen vorwiegend Menschen, die keine Krankenversicherung haben – weil sie die Vorgaben des Jobcenters für den Leistungsbezug nicht mehr erfüllen konnten oder wollten, weil sie als Zuwander:innen nie eine oder nur eine (eingeschränkte) europäische Krankenversicherung besaßen, weil sie als Selbstständige privatversichert sein mussten und nach der Insolvenz nicht mehr zurück in die gesetzliche Kasse kamen, oder weil sie aufgrund von Schulden nur noch eine absolute Notversorgung von der Krankenkasse bekommen.

Dann springt die Straßenambulanz ein: Die Ärzte arbeiten nahezu ehrenamtlich. Die Medikamente besorgt die Straßenambulanz, finanziert über den Caritasverband Nürnberg und Zuschüsse der Stadt.

Ein Schienbein wie eine Weltraum-Galaxie

Mehr als 1100 Patient:innen kamen allein 2019 zu ihr – vom für den Kindergarten zu impfenden Kleinkind über Drogenabhängige bis hin zu Obdachlosen mit erfrorenen Zehen oder offenen Wunden. Ein mir gezeigtes Fotos glich vor roten, gelben, weißen und grünen Flächen eher einer Aufnahme einer Weltraum-Galaxie als einem Schienbein.

Keine rosigen Aussichten

Die Hauptklientel der Straßenambulanz ist zwischen 20 und 60 Jahren alt. Leiter Roland Stubenvoll: „Ab 60 macht die Statistik einen enormen Knick nach unten. Das liegt nicht daran, dass die Leute dann versichert und glücklich sind, sondern sie sind einfach tot. Die Lebenserwartung ist wesentlich geringer, je ärmer Menschen sind und je schlechter die medizinische Versorgung, Ernährung et cetera ist.“

Diese Bilder erklärten mir auch ein Stück weit, weshalb obdachlose Menschen eher wenig Angst vor Corona haben: Sie meinen, schon weitaus Schlimmeres erlebt zu haben und da obendrein noch kein einziger Verdachtsfall in der Szene bekannt ist, geschweige denn es in Nürnberg einen Corona-Patienten unter Obdachlosen gab, ist das Problem für sie einfach kaum existent.

Die betrunkenen Obdachlosen in verlotterter Kleidung unter der Brücke habe ich in meiner zweiwöchigen Recherche nicht getroffen. Wenngleich es diese, beispielsweise in der Königstorpassage, natürlich durchaus gibt. Doch sie sind nur eine von so unzählig vielen Facetten von Obdachlosigkeit.

„Betteln lässt mein Stolz nicht zu“

Eine weitere ist Peter H.. Er ist 42, trägt saubere Kleidung und hatte 2016 das letzte Mal eigene vier Wände. Dann sei er „in etwas hineingeschlittert“ und nun seit einigen Monaten in Nürnberg gemeldet. Stolz zeigt er seinen Ausweis. „Damit bin ich ein Bürger dieser Stadt.“ Das Feld für die Wohnanschrift auf der Rückseite ist leer. Ich habe ihn auf der Bank sitzend zunächst nicht erkannt, weil er – oh, Wunder – mal wieder nicht nach „dem Obdachlosen“ aussah.

Peter H. lebt von Hartz IV. Aufgrund von Schulden blieben ihm, so sagt er, nicht einmal 100 Euro im Monat zum Leben. Sich in die Fußgängerzone zum Betteln zu setzen, ist für ihn dennoch ein Unding: „Das lässt mein Stolz nicht zu. Und wenn mich dann noch wer sieht: Dann krieg ich ja erst recht keine Wohnung mehr.“

Corona erschwert das Pfandflaschen-Sammeln

Zeichnung: Alexander Zitzke

Lieber läuft er sich im wahrsten Sinne des Wortes in der Stadt die Füße wund. Der Körper macht längst nicht mehr so mit, wie er sich das wünschen würde. Doch aufgeben ist nicht. Mit einem ausgebeulten Rucksack am Rücken und einer übervollen quaderförmigen Einkaufstasche, wie man sie in den großen Supermärkten kaufen kann, ist er unterwegs. Durchs Pfandflaschen-Sammeln versuche er, besser über die Runden zu kommen. Corona aber macht ihm das Geschäft kaputt: „Konzerte, Fußballspiele, Partywochenenden – nichts findet statt. Flaschenpfand findet man dadurch fast keines.“

Zuvor hatte Peter überlegt, sich ein altes Auto zu kaufen. „Nee, nicht zum Fahren. Um drin zu schlafen“, erklärt er. Abschließbar und ganz für sich alleine. Denn in den Unterkünften sind es meist Mehrbettzimmer – „da hast Du keinen Einfluss drauf, wer Dir mit zugeteilt wird. Wenn Du Pech hast ist es jemand, der mit Alkohol oder Drogen voll zu ist. Würdest Du mit so jemandem ein Zimmer teilen wollen? Ich will damit nix zu tun haben. Aber draußen schlafe ich ziemlich unruhig: Ich bin ständig am Beobachten, was um mich rum passiert. Außerdem ist mein Schlafplatz draußen nicht wettergeschützt.“

Jeder Tag dreht sich um die Frage, wo Du abends schlafen kannst

Und so klingt sein Alltag nach einem steten Kampf: „Abends muss ich mir in der Einweisungsstelle einen Schein holen, der mir einen Schlafplatz zuweist. Da kann ich dann ab 19 oder 20 Uhr rein. Morgens um spätestens sieben muss ich dort wieder raus. Dann beginnt die Spirale von neuem.“

Jeder Tag wird davon bestimmt, wo er ein bisschen Geld herbekommt und wo er abends schlafen kann. Je nach Unterkunft, kann er auch mal zwei, drei oder fünf Nächte bleiben, in Pensionen ginge das auch länger. So eine nutzt Peter H. derzeit aber nicht. Zu der Frage um den Schlafplatz kommt hinzu, dass die Tage furchtbar lang werden können, wie Sozialarbeiterin Isa M. erzählt: „Mich nervt es ja schon, wenn ich am Bahnhof eine halbe Stunde warten muss. Wie würde es Dir gehen, wenn Du so jeden Tag aufs Neue zwölf Stunden rumbringen musst – bei Wind und Wetter?“

Wo leben obdachlose Menschen?

Sie finden in der Stadt Nürnberg neben Notschlafstellen (für einzelne Nächte) und -unterkünften auch Obdachlosenwohnanlagen, Pensionen ode verschiedene weitere Wohnmöglichkeiten beispielsweise von der Caritas. Wirklich auf der Straße leben von den rund 2300 Menschen deshalb „nur“ (je nach Schätzung) 50 bis 80 beziehungsweise 150 Personen.

Peter kann nicht verstehen, warum die Stadt keine Wohnungen für Leute wie ihn anmietet. „Ich bin ja selbst schon am Suchen und frage Vermieter an. Aber es hat doch keiner Lust auf einen Hartz IV-ler. Erst recht nicht, wenn er keinen bestenfalls noch unbefristeten Arbeitsvertrag hat. Und eine WG mag ich nicht. Ich brauche auch mal Ruhe.“ Immer wieder höre ich während der Recherche den Satz „ohne Wohnung keine Arbeit, ohne Arbeit keine Wohnung. Je länger Du drin bist, in der Wohnungslosigkrit, desto schwieriger kommst Du wieder raus.“

Corona hat auch positive Entwicklungen beschleunigt

Und wie lösen wir das Problem nun? Die Corona-Pandemie oder besser die deshalb geforderten Infektionsschutzmaßnahmen könnten hinsichtlich der Verstetigung von Obdachlosen nun ein Beschleuniger sein. Mehrbettzimmer mussten entzerrt werden, die Besucher von Notschlafstellen durften nicht mehr so häufig durchwechseln. Binnen zwei Tagen, just nachdem die Ausgangsbeschränkungen am 20. März verkündet worden waren, hatten Hilfseinrichtungen, Verwaltung und Politik in vorbildlicher Weise eine ehemalige Asylunterkunft umgewidmet. Nach nicht einmal zwei Tagen waren 80 Plätze dort belegt.

Wohnraum lässt bei Menschen neue Energie entstehen

Andere Städte agierten ähnlich: In Lübeck öffneten Hotels, in Hannover die Jugendherberge, in Berlin wurden sogenannte Tinyhouses aufgestellt. Die Erfahrungen überraschen, ob der kurzen bisherigen Dauer: „Die Menschen erleben Verlässlichkeit. Und das führt dazu, dass auf einmal wieder neue Energien freigesetzt werden. In der Einrichtung kommen inzwischen Menschen auf uns zu und fragen, wie sie eine Wohnung finden können, oder ob wir helfen könnten, sie wollten ihre Altlasten – welcher Art auch immer – angehen. Das wäre zuvor undenkbar gewesen. Und selbst diejenigen, die zu solch einem großen Schritt noch nicht bereit sind, machen Fortschritte: Ihre Gesundheit stabilisiert sich zusehendst“, berichtet Manuela Bauer von der Wärmestube in Nürnberg.

Zweite Wärmestube und/ oder „Housing first“

Zeichnung: Alexander Zitzke

Ihr Team bot vor Corona in der eigentlichen Einrichtung unweit des Nürnberger Bahnhofs einen Tagestreff („die Leute können ja nicht nur draußen sein“) sowie ein Mittagessen an. Letzteres gibt es inzwischen wieder, allerdings nur zum Mitnehmen durchs offene Fenster. Hinzugekommen ist für ihr Team nun die Betreuung der umgewidmeten Asylunterkunft.

Doch wie wird das Wohnen nun langfristig möglich? Manuela Bauer und ihr Team können sich vorstellen, das Angebot in der besagten Einrichtung aufrechtzuerhalten. Sie wünschen sich schon länger eine zweite Wärmestube, nachdem die erste seit langem an ihre Kapazitätsgrenzen stoße. Letztlich wird beides der Stadtrat entscheiden, heißt es dazu vom Sozialamt.

Auch „Housing first“ könnte ein Ansatz zur Verbesserung der Situation von obdachlosen Menschen in Nürnberg sein. Statt erst zig Bedingungen zu stellen, bekommen die Betroffenen dabei erst einmal eine Wohnung und dann folgt der Rest. In einem Schreiben der Stadtverwaltung an den Sozialausschuss im Dezember 2019 hieß es damals: „Es gab schon mehrere Ansätze, die […] in Richtung Housing First gingen. […] Grundsätzlich steht die Verwaltung einem solchen Modell positiv gegenüber, wobei man […] schnell an die Frage stößt, wo und wie sich die dafür benötigten Wohnungen akquirieren lassen.“

Bislang zahlt die Stadt für die Bereitstellung von Unterkunftsplätzen in Wohnanlagen und Notschlafstellen jährlich circa 1,5 Millionen Euro an Miet- und Sachkosten.

Wie wär’s mal mit WLAN?

Ein Problem jedoch bei all den Projekten: Wie vermeidet man, dass Nürnberg in der Obdachlosenhilfe zu dem gelobten Land wird und immer mehr Menschen nach Nürnberg kommen? Das ist schließlich ein Recht, dass man keinem Menschen verwehren kann. Doch schon jetzt, so berichten mehrere Hilfeinrichtungen, verweisen gerade kleinere Kommunen auf das Angebot in den Großstädten. „Dabei hat jeder die Aufgabe, Obdachlosigkeit zu beseitigen“, meint Manfred Kahler vom Sozialamt. Sie stärker in die Pflicht nehmen, eigene Angebote zu schaffen oder zumindest eine finanzielle Beteiligung für die Hilfsangebote in Nürnberg anzubahnen wäre da ein Ansatz.

Bo T. vom Sleep-Inn hätte auch noch eine ganz andere Idee: „Bis heute gibt es in städtischen Einrichtungen kein WLAN und damit auch nicht bei uns. Doch wie sollen sich Obdachlose, die meist nur Prepaid-Handys haben, organisieren; und erst recht junge Menschen, für die das Handy prinzipiell essentiell ist?“


Und wo ist Lena-Marie?

Einige von Euch werden sich denken: So ein langer Text und keine Spur von Lena-Marie aus dem vorherigen Text „Journalismus braucht Zeit“. Da hatte ich ja angekündigt, die 30-Jährige suchen zu gehen. Habe ich auch – erfolgreich. Sie war mit Bekannten unterwegs und wollte deshalb nicht mehr mit mir reden. Selbstverständlich habe ich das akzeptiert.

So reagierst Du das nächste Mal richtig (Eure Fragen):

Anlächeln erwünscht? Empfindest Du ein Lächeln von mir als nette Geste oder gibt es Dir das Gefühl, bemitleidet zu werden? „Ich sitze ja nicht auf der Straße, also wirst Du mich gar nicht erkennen. Aber ich bin bislang noch nie von jemanden Fremdes mit einem ,Hallo‘ oder ,Servus‘ angesprochen worden. Wäre das nicht schön, wenn wir das alle etwas häufiger sagen würden?“ (Peter H.)

Semmel oder Wasser statt dem Euro? „Die Intention, einem etwas Gutes zu tun, ist prinzipiell ja gut. Aber vielleicht braucht die Person ja gerade gar nichts zu Essen, sondern etwas komplett anderes? Ich frage deshalb einfach – und erwarte für meine Hilfe bitte auch keine Gegenleistung, wie Dankbarkeit. Ich helfe, weil ich helfen möchte.“ (Isa M., Mitarbeiterin im Sleep-In) „Klar kann es sein, dass sich die Person dafür dann ein Bier kauft. Aber mal ehrlich: Sollte die Entscheidung nicht auch ihm überlassen bleiben? Das hat für mich etwas mit Autonomie zu tun.“ (Bo T., Mitarbeiter im Sleep-In)

Behandelt Dich die Polizei anders als andere Bürger:innen? „Ich bin noch nie hier kontrolliert worden – weil ich mich anständig kleide und aufführe. Schreiend, Alkohol trinkend und schmutzig angezogen werden sie einen vermutlich schon mal anders kontrollieren.“ (Peter H.)



So kannst Du selbst helfen:

Wegen der Corona-Auflagen können die Hilfsteams nur bedingt erweitert werden. Langfristig sucht aber die Kleiderkammer der Straßenambulanz Ehrenamtliche (mind. 1 Nachmittag/Woche)

Du bist Kinder- oder Facharzt/äzrtin? Die Straßenambulanz sucht Dich! Telefon: 0911-47 49 48 60 strassenambulanz@caritas-nuernberg.de

Skistiefel, einzelne Schuhe oder aufgetragene Kleidung gehen nicht. Über Sachspenden freut sich aber besonders das Sleep-In. Ob Nudeln, Zahnbürsten oder Slipeinlagen: Rufe vorher an, was gerade wirklich gebraucht wird! Telefon: 0911-244 97 79 sleepin@stadt.nuernberg.de

Wohnung im Stadtgebiet günstig zu vermieten, um einem Menschen eine Perspektive zu verschaffen: Das Sozialamt der Stadt freut sich auf Dich. sha@stadt.nuernberg.de

Vom 1. Advent bis 24. Dezember wollen alle Firmen und Vereine etwas Gutes tun. Das geht aber auch im Sommer! Eigene Ideen (von der Spendenaktion bis zum gemeinsamen Kochprojekt) stoßen wohl überall auf offene Ohren.

Peter H. freut sich über Flaschenpfand. Wir vermitteln: lokalblog-nuernberg@web.de

Mehrere private Initiativen koordinieren ihre Hilfen (meist in Form von Lebensmittel, Kleidungs oder Essensversorgung) über Facebookgruppen. So auch die „Heinzelmännchen“ oder die „Nürnberger Engel“.

Für lau und alle: Mit den vorgefertigten Denkweisen brechen, ab sofort genauer hinschauen und mal eine fremde Person auf der Straße grüßen. Kostet nichts.

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