Genug Pessimismus! Ein Zukunftsforscher erklärt, was wir in der Region an Positivem aus der Corona-Zeit ziehen können. Acht Punkte, die hoffentlich nicht nur mir Mut machen.

Etwas Zuversicht bitte: Welche Chancen die Corona-Zeit bietet

29. April 2020

Corona ist der finale Gegner im letzten Level. Die Umgebung dunkel, trist und karg. Die Hintergrundmusik höllisch schrill und einen Reset-Knopf gibt es nicht. Würde man das Wehklagen vieler Menschen aktuell mit einem Computerspiel vergleichen: Es würde wohl so oder so ähnlich lauten.

Einer, der da gewaltig protestiert, ist Dr. Bernd Flessner, Zukunftsforscher am Zentralinstitut für Wissenschaftsreflexion und Schlüsselqualifikationen der Friedrich-Alexander Universität Erlangen-Nürnberg. Er hat mir berichtet, was wir hier in der Region um Nürnberg an Positivem aus der Corona-Zeit ziehen können. Ein Gespräch, das hoffentlich nicht nur mir Mut macht.

1. Wir bestimmen, wo wir arbeiten

Zukunftsforscher Bernd Flessner Foto: Kurt Fuchs
Bernd Flessner. Foto: Kurt Fuchs

Die Wohnungen sind blitzblank, der Kleiderschrank endlich ausgemistet, die Gedanken sortiert, das  Familienleben neu organisiert. „Jede Krise ist ein Modernisierungsschub“, ist Dr. Bernd Flessners Credo. Das gilt nicht nur fürs Private. Die aktuelle Krise sei ein Schub für die Digitalisierung, meint der Wissenschaftler. Es werde im produzierenden Gewerbe ein neues Zeitalter eingeläutet: Industrie 4.0.

Und Home Office könnte nicht nur für Schreibtisch-Täter eine echte Möglichkeit sein. Wie sich Dr. Bernd Flessner das vorstellt? „Die Fabrikation wird komplett digital geleitet. Der Mitarbeiter muss nicht mehr dauerhaft vor Ort sein.“ Der Vorteil beispielsweise  in der Industrie: „Die nächste Pandemie – und die kommt bestimmt – wird einer solchen Fertigung nichts mehr groß anhaben können. Nebenbei wird auch noch weniger CO2 ausgestoßen.“

Arbeitsplätze, die auf der einen Seite wegfallen, werden laut Dr. Flessner anderswo neu entstehen. „Ironie der Automatisierung“ heiße der Begriff dazu, den nicht er, sondern die britische Psychologin Lisanne Bainbridge 1983 geprägt habe: „Wäre das mit der Neuentstehung von Arbeitsplätzen nämlich nicht so, hätten wir in all den Jahren längst eine Massenarbeitslosigkeit, stattdessen haben wir aber fast Vollbeschäftigung“, so der Zukunftsforscher.

2. Fabbing macht unsere Industrie unabhängig und uns krisensicher

3D-Drucker im Fablab. F.: Weigert

Dr. Bernd Flessner geht außerdem davon aus, dass Corona insbesondere die bisherigen Lieferketten verändern wird. „Wir werden uns aufs Lokale besinnen – dank des sogenannten Fabbings.“ Es bezeichnet das Fertigen individueller dreidimensionaler Produkte per 3D-Drucker oder Lasercutter. „Die Produktion verlagert sich damit direkt ins Unternehmen oder sogar den eigenen Privathaushalt“, sagt Dr. Flessner, „Siemens sowie der Airbus-Bauer EADS fabben Bauteile ihrer Produktionen bereits. Sie machen sich damit unabhängig von Zulieferern. Das macht krisensicher.“

Der Vorteil laut dem Zukunftsforscher: „Hergestellt werden können nicht nur Kunststoffteile, sondern auch Stoffe.“ Der Jeans-Hersteller Levis hatte damit beispielsweise schon 2016 experimentiert (siehe Video). Massentauglich wurde die Technik für die Modebranche bis heute jedoch nicht: „Die Düse des Druckers ist mit 0,4 Millimeter recht grob. Und so kann man zwar mit Nylon eine ziemlich dicke Strumpfhose drucken, angenehm zu tragen wäre sie aber nicht – mal abgesehen davon, dass die derzeitigen Drucker meist nur DIN-A4-groß drucken können, maximal aber 0,5 auf 0,5 Meter. Und die Produktion würde Stunden dauern“, meint Jürgen Weigert vom Fablab Nürnberg, einer Art offenen Werkstatt für 3D-Druck und Lasercutter.

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Statt als Backup im Keller von Krankenhäusern wie Dr. Bernd Flessner sieht er deshalb eher anderswo einen Einsatzort für die 3D-Drucker: „Es wäre sowas von genial, wenn Technisches Hilfswerk oder Feuerwehren sich solch einen 3D-Drucker anschaffen. Dann könnten sie sofort, wenn Bedarf für ein bestimmtes Teil aufkommt, wie zuletzt eben für diese Visiere, sofort mit dem Druck loslegen. Denn neben dem Drucker, die es inzwischen für 200 bis 800 Euro zu kaufen gibt, wird auch Personal benötigt, das technisches Knowhow und Zeit hat, um die Druckvorlagen in CAD zu entwickeln. Wenn man die Vorlagen dann als open source teilt, können viele Druckerbesitzer mithelfen und Stückzahlen produzieren.“

Aufgrund der verfügbaren Materialien, die nicht saugfähig sind, fällt Klopapier zu fabben weg. Doch vieles andere geht: In Italien wurden Klappen für Beatmungsgeräte gedruckt – 100 Stück in 24 Stunden. Und das Leonardo Zentrum für Kreativität und Innovation – eine Kooperation der Technischen Hochschule Nürnberg Georg Simon Ohm, der Nürnberger Hochschule für Musik sowie der Akademie der Bildenden Künste – organisierte Anfang April die Herstellung von Visieren, sogenannten Faceshields, für medizinisches Personal am Klinikum Nürnberg, im St.-Theresien-Krankenhaus und für die Einsatzkräfte des Bayerischen Roten Kreuzes in Nürnberg.

Rund 30 Mitarbeiter:innen aus fast allen Fachbereichen der TH Nürnberg hatten ehrenamtlich mehr als 24 3D-Drucker betrieben – anfangs rund um die Uhr. „Bei Bedarf entstanden über 150 Faceshields an einem Tag. Insgesamt waren es mehr als 1500 Stück“, berichtet Dr. Jens Helbig vom Institut für Chemie, Material- und Produktentwicklung (OHM-CMP) an der TH Nürnberg. Nach gut zwei Wochen Produktion habe sich die Versorgungslage laut Dr. Helbig an den Kliniken entspannt. Die Produktion großer Stückzahlen an der TH Nürnberg sei deshalb abgeschlossen, könne bei Bedarf aber jederzeit wieder anlaufen.

3. Manche Forschungseinrichtung erfährt einen Innovationsschub

Und was ist mit den Kosten? „Bei geringen Stückzahlen sind 3D-gedruckte Bauteile im Allgemeinen günstiger als Bauteile, die über Spritzguss hergestellt werden. Es hängt aber immer von Form, Größe und dem gewünschten Material ab“, erklärt der Nürnberger Wissenschaftler Dr. Jens Helbig.

Jürgen Weigert Fablab Region Nürnberg Foto: Weigert
Jürgen Weigert. Foto: Weigert

Jürgen Weigert vom Fablab Region Nürnberg ergänzt: „Spritzguss braucht wegen der Herstellung der nötigen Formen einen Vorlauf von mehreren Wochen. Mit einem 3D-Drucker legen wir einfach los, sind in der Produktion aber deutlich langsamer als der Spritzguss, wenn die Formen dann mal da sind und Masse gemacht werden kann.“ Die Materialien für die Druckaktion der Technischen Hochschule wurden laut Dr. Jens Helbig über einen Sonderfond des Bundesministeriums für Bildung und Forschung finanziert. Zum Einsatz kam der Kunststoff PETG. Laut dem Wissenschaftler ein modifiziertes Polyethylenterephtalat (PET), das „ist den meisten von Kunststoffflaschen bekannt“.

Bauteile, Stoffe, alles aus dem 3D-Drucker: Nicht nur der Zukunftsforscher Dr. Bernd Flessner glaubt an die Technologie und sieht darin einen enormen Innovationsschub gegeben, von dem am Ende alle profitieren. Das beginnt bei der Materialforschung und endet bei den neuen Möglichkeiten für Architekten, Designer und Co., wie Jürgen Weigert vom Fablab erklärt: „Jahrelang wurde Produktdesignern erklärt, dass dies und jenes technisch nicht zu realisieren sei. Der 3D-Druck hebt diese Grenzen auf.“

4. Kleine und mittelständische Unternehmen kämpfen um neue Märkte

Klar, jede Krise hat Verlierer und Gewinner. Das weiß auch der Zukunftsforscher. Insbesondere in der Wirtschaft reichen dazu laut Dr. Bernd Flessner wenige Fehlentscheidungen aus: „Wie wäre die Geschichte wohl gelaufen, wenn Quelle nicht so lange am gedruckten Katalog festgehalten, sondern frühzeitig den Sprung ins Internet gewagt hätte. Vielleicht hieße der Platzhirsch heutzutage nicht Amazon?“ Entscheidend sei, wer jetzt gerade kreative Lösungen findet, um sein Angebot abzuändern oder gegebenenfalls ins Digitale zu transferieren.

Positive Beispiele gibt es! Die Traditions-Buchhandlung in der Nürnberger Innenstadt, die die Kunden per Fahrradkurier beliefert, weil diese nicht mehr kommen durften; die Fitnesstrainerin des Bildungszentrums, die kurzerhand per Online-Kurs zum Schwitzen bringt oder eine Schaustellerfamilie, die statt auf den Volksfesten und Kirchweihen dieser Gegend nun auf dem Parkplatz einer Kirche in Nürnberg-Kornburg ihre Imbissbude aufsperrt. Für manche Unternehmenden ist das nur die Überbrückung der Sauren-Gurken-Zeit, andere (wie die Fitnesstrainerin) überlegen bereits, ihr neuen Angebot auch nach Corona zumindest teilweise beizubehalten.

5. Medienkompetenz olé: Schulen und Unis werden endlich digital

Vor dem „digital beibehalten“ steht für Schulen und Universitäten erstmal das „digital werden“. Während einige Schulen top Ausstattung vorweisen können – von der digitalen Tafel bis hin zur „Dokucam“ und Rechnern für jeden, maximal jeden zweiten Schüler – gibt es auch das Gegenbeispiel.  Eine Grundschullehrerin (32), die ihren Namen nicht in dem Beitrag lesen möchte, weil sie nur für sich und nicht die ganze Schule spricht, kennt beispielsweise Klassenzimmer in Nürnberg, in denen vor einigen Monaten noch ein Overheadprojekt stand. Der Freistaat Bayern hatte 2019 rund 778 Millionen Euro (vom Bund) zur Verbesserung der technischen Rahmenbedingungen für die Digitalisierung an den bayerischen Schulen zur Verfügung gestellt. „DigitalPakt Schule“ lautete der Titel des Programms, das in Berlin beschlossen worden war. Aus diesem waren 24.101.799,00 Euro allein für die städtischen Schulen in Nürnberg in Aussicht gestellt worden. Geplante Umsetzung ursprünglich bis zum Jahr 2024.

Corona wirkt nun als Katalysator – hinsichtlich der Ausstattung und auch der Fähigkeiten derer, die sie bedienen sollen: Ein Nürnberger Berufsschullehrer (30) sieht ähnlich wie eine Nürnberger Dozentin (32), dass „sich endlich alle Kolleg:innen mit den neuen technischen Möglichkeiten auseinander setzen“. Und die Grundschullehrerin ist begeistert von einer Konferenz mit ihren Kolleg:innen an einer anderen Grundschule: „Alle haben berichtet, mit welchen Lösungen sie auf die Schulschließung reagiert haben. Davon haben wir alle etwas mitgenommen. Außerdem überlegt meine Schule schon, was sie für den normalen Schulbetrieb beibehalten wird. Das Programm „Padlet“, eine Art digitale Pinnwand für den Unterricht ist da zum Beispiel angedacht. Und ich denke, es wird noch weitere digitale Erleichterungen geben.“

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Der Berufsschullehrer erinnert zudem an den Papierverbrauch: „Pro Doppelstunde brauche ich etwa vier Arbeitsblätter. Auf die Klasse und das Schuljahr hochgerechnet, kommt da ganz schön was zusammen. Das geht vielleicht auch anders.“ Die Schwierigkeiten, die es noch zu lösen gilt, liegen laut den beiden Lehrern auf der anderen Seite: „Manche Familien besitzen weder  E-Mail-Adresse noch Drucker“, weiß die Grundschullehrerin und der Berufsschullehrer ergänzt: „Wer faul ist, den kann ich im Klassenzimmer schon noch einfangen. Rein virtuell bin ich da ausgeschieden.“ Beide Beobachtungen zeigen, wie sich die Bildungsschere derzeit verschärft. Eine Lösung dazu muss noch gefunden werden – zugleich soll Home Schooling ja kein Dauerzustand bleiben.

6. Alt und Jung machen einen Schritt aufeinander zu

Corona macht auch etwas mit uns, der Gesellschaft, ist sich Dr. Bernd Flessner, sicher. Er wohnt selbst auf dem Land (Landkreis Neustadt-Aisch) und meint nun mit einem Lächeln: „Viele Städter machen es uns nun nach: Sie nehmen wieder wahr, wer mit sowie neben ihnen wohnt und sorgen sich umeinander.“ Mit Blick auf die Einkaufshilfen, die viele jüngere Menschen ihren gefährdeteren Nachbar:innen anboten, meint er: „Plötzlich merken die Älteren, dass die Jungen Verantwortung übernehmen und mehr können als ihnen nachgesagt wird. Und gleichzeitig merken die Jungen gerade, wie schmerzlich sie ihre Großeltern vermissen.“ Dr. Bernd Flessner hat als wissenschaftlicher Zukunftsforscher mit rund 35 Jahren Berufserfahrung zahlreiche Szenarien zu verschiedensten Themen durchgerechnet und kann so das Verhalten der Bevölkerung im Allgemeinen einschätzen. Er ist sich dementsprechend sicher, dass unsere Aha-Erlebnisse im sozialen Umfeld noch lange nachhallen werden.

7. Es wird wichtiger, woher unser Essen kommt

Ob die Besinnung auf regionale Lebensmittel ebenso intensiv und nachhaltig ausfällt wie das intensivere Miteinander, da ist Dr. Bernd Flessner genauso skeptisch wie Dagmar Fischer. Sie ist Direktvermarkterin in Nürnberg-Neunhof. Im Dorf und ringsum hat ihr landwirtschaftlicher Familienbetrieb mehrere Äcker für Salat, Zucchini und Co. Die Erzeugnisse verkauft sie mit einer Angestellten im eigenen Hofladen.

Seit Wochen hat Dagmar Fischer mehr als doppelt so viele Kunden wie sonst. Sie meint: „Viele Neukunden sagen uns zwar, dass sie uns treu bleiben wollen, weil sie unser Angebot schätzen. Ich stelle mich trotzdem darauf ein, dass viele der Macht der Gewohnheit erliegen, sobald Corona vorbei ist, und wieder beim Großeinkauf im Supermarkt das Gemüse mitnehmen statt beim örtlichen Landwirt.“ Dr. Bernd Flessner erklärt, woran das liegt: „Unser Konsumverhalten ändert sich nur sehr langsam.“ Aber: „Das Umdenken wird weiter forciert. Und der eine oder andere wird künftig häufiger regional kaufen, als er es vor Corona tat.“

8. Erste Antikörpertests laufen bereits

Forscher des Uni-Klinikums Erlangen. F.: Michael Rabenstein

Natürlich hat sich Dr. Bernd Flessner auch um die Frage nach dem Impfstoff bemüht. „Um prinzipiell einen Impfstoff zu entwickeln und zu testen, da sind sich Experten einig, braucht man gut ein Jahr. Im Falle Corona möchte ich mich auf keine Zeit festnageln lassen. Aber die gute Nachricht ist ja: Anders als gegen das HI-Virus kann man prinzipiell gegen Corona impfen.“ Und die ersten Antikörpertests gibt es bereits – in Erlangen an der Uniklinik: Forscher der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg haben aus dem Blut genesener COVID-19-Patienten und aus besonderen immunisierten Mäusen 25 Antikörper identifiziert, die gegen das Coronavirus gerichtet sind.

„Diese Antikörper werden gerade auf ihre Fähigkeit getestet, die Virusinfektion in einem Zellkultursystem zu verhindern“, zitiert die Uniklinik den Erlanger Virologen Professor Dr. Klaus Überla in einer Pressemitteillung. Sobald die Erkenntnisse in Tierversuchen und klinischen Studien überprüft wurden, könnten die ersten sogenannten Passiv-Impfungen an medizinischem Personal, Betreuer:innen in Alten- und Pflegeheimen sowie Hochrisikopatient:innen durchgeführt werden, „um sie für zwei bis drei Monate zu schützen, bis es einen aktiven, lang wirkenden Impfstoff gibt“, schilderte der Erlanger Virologe.


Selbst mal einen 3D-Drucker oder eine Laserfräse ausprobieren? Jürgen Weigert und der Verein Fablab Region Nürnberg an der Stadtgrenze Nürnberg-Fürth experimentiert gerne mit Euch.

Regional einkaufen? Der Bayerische Bauernverband bietet zwei interaktive Karten an, um Bauernmärkte oder Landwirte zu finden, die direkt ab Hof verkaufen (sogenannte Direktvermarkter).


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