Wonach bestimmst Du, wohin Du in den Urlaub fährst? Gutes Wetter, leckeres Essen, Strand, Berge… Okay. Hat auch Deine Hautfarbe oder Dein Name Deine Reisepläne schon einmal beeinflusst? Haben Dich andere Kinder im Kindergarten mal abgeleckt, weil sie wissen wollten, wie Deine Haut so schmeckt?

„Lasst uns und unsere Kinder endlich in Eure Wohnzimmer!“

4. Juli 2020

Wie oft bist Du schon von der Polizei kontrolliert worden – in der vergangenen Woche? Haben Dich Deine Mitmenschen beim Einsteigen in Bus, Straßen- oder U-Bahn direkt beleidigt aufgrund Deines Aussehens? Wann wurde das letzte Mal ein Witz über Dich, als „der dumme Deutsche“ gerissen? Wie oft bist Du schon vor einer Disco abgewiesen worden?

Die Frage nach den Wurzeln – reden wir von Menschen oder Bäumen?

Wie oft wurde Dir schon gesagt, dass Du aber gut Deutsch sprichst – sind Deine „Wurzeln wirklich deutsch“? Wie oft hast Du schon einmal von Kolleg:innen, Klassenkamerad:innen oder Bekannten gehört, dass Du etwas nicht kannst, weil Du Deutsche:r bist und Deutsche per sé dumm sind? Wie oft wurde Dir schon eine Wohnung verwehrt, weil Du Müller, Meier oder Huber heißt? Und wie oft musstest Du als Franke schon auf eine Feier typisch fränkisches Essen mitbringen, obwohl Deine Leibspeisen alles sind, nur nicht fränkisch? Wird Dir hämisch grinsend immer wieder Wein von Bekannten serviert, obwohl Du ihnen schon seit Jahren signalisierst, dass Du keinen Alkohol trinken darfst?

>>>Newsletter-Fortsetzung: (Unbewusste) Privilegien der Weißen

All diese (natürlich auf Weiße Menschen abgewandelten) Beispiele sind die erlebte Realität von Menschen hier aus unserer Gegend, mit denen ich (eine Weiße Frau) im Zuge meiner Recherche über Rassismus gesprochen habe. Die Aufzählung ließe sich unendlich lange fortsetzen. Doch auch so wird deutlich: Ein Teil der Weißen ist sich seiner Privilegien oft nicht bewusst. Ein anderer befeuert sie absichtlich – ähnlich wie beim Thema Sexismus, um bestimmte Abhängigkeitsverhältnis und Machtstrukturen zu erhalten. Denn genau das ist Rassismus: „Die Ideologie oder Geisteshaltung, dass eine Gruppe von Menschen aufgrund vorhandener oder zugeschriebener Merkmale weniger wert ist als eine andere“, sagt Martina Mittenhuber, Leiterin des Menschenrechtsbüros der Stadt Nürnberg.

Woher kommt Rassismus eigentlich?

Bevor Du nun abwehrst und weiterscrollst, lass uns von Nürnberg aus noch einen kurzen Abstecher in die Zeit des Kolonialismus machen. Das rassistische Gedankengut hat nämlich dort seinen Ursprung, als insbesondere die Europäer vom 16. bis Ende des 19.Jahrhunderts anfingen, um die Welt zu segeln und andere Länder zu unterjochen: Mit Sozialdarwinismus („survival of the fittest“), allerlei pseudowissenschaftlichen Erklärungsversuchen oder der wissenschaftlich längst widerlegten Unterscheidung verschiedener Menschen nach Rassen, schufen sich die Europäer (darunter auch die Briten, die Nordamerika besiedelt hatten) ihre ureigenste Rechtfertigung, um andere Länder zu erobern, auszubeuten oder sich deren Menschen zu Untertanen oder gar Sklaven zu machen. All das ging mit Verdrängung, Landnahmen, massiven Massakern und Gräueltaten einher. (siehe Filmtipps am Ende des Beitrags).

Kolonien allein auf dem afrikanischen Kontinent um 1914. Karte: Frank Murmann/ Tristan-baeu (wikimedia.org)

Als die ersten Menschen aus den ehemaligen Kolonialgebieten vermehrt nach Europa oder in die USA kamen, ging „die Angst vorm Schwarzem Mann“ um: Beziehungen zwischen Weißen und Schwarzen Menschen wurden verboten, Rassentrennung in sämtlichen Bereichen des Alltags geschaffen; immer mit dem Ziel, das Weiße „rein zu halten“.

„Ein über Generationen vererbtes Trauma“

Martina Mittenhuber, die Leiterin des Menschenrechtsbüros der Stadt Nürnberg spricht mit Blick auf dieses stete Vergegenwärtigen von tatsächlichen oder erfundenen Unterschieden gepaart mit Verdrängung, Unterdrückung, Folter und Mord von einem „über Generationen vererbten Trauma“, das nun schon seit Jahrhunderten anhält – und das wir als privilegierte Weiße nicht nachvollziehen könnten, „anders als jemand, der tagtäglich damit konfrontiert ist.“

Maria Geisler, eine Lokalblog-Pionierin, die sich im Nürnberger Menschenrechtszentrum e.V. ehrenamtlich auf lokaler, nationaler und internationaler Ebene für die Menschenrechte einsetzt, meint deshalb: „Rassismus ist ein weißes Problem. Wir haben es geschaffen, wir müssen es lösen – aber die Schwarzen Menschen mit ihren Belangen, Bedürfnissen und Vorstellungen auf Augenhöhe miteinbeziehen.“

Doch was können die Stadt, die Politik und vor allen Dingen wir selbst tun?

💡💡💡 Die Stadt 💡💡💡

Im Zuge der Aufarbeitung seiner Historie als Stadt der Reichsparteitage in der Zeit des Nationalsozialismus, hat Nürnberg sich heutzutage dem Schutz der Menschenrechte verschrieben, wie erst wenige andere Städte in Deutschland. So ist es nicht verwunderlich, dass es hier ein Menschenrechtsbüro gibt, das direkt im Bürgermeisteramt und damit an höchster politischer Stelle angesiedelt ist. Zu den Aufgaben zählen Interventionsarbeit mit der Antidiskriminierungsstelle und Präventionsarbeit in Form von Bildungsarbeit zum Thema Menschenrechte.

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Das Büro war es, das 2010 mit dem damaligen Nürnberger Oberbürgermeister Ulrich Maly (SPD) eine Selbstverpflichtung von 22 Vorständen und Geschäftsführer:innen der größten Immobilienfirmen im Nürnberger Raum (darunter die Stadt Nürnberg selbst, die wbg Nürnberg GmbH, die Schultheiss Wohnbau AG, aber auch die Wohnungs- und Städtebaugesellschaft mbH in Schwabach) initiierte. Die Unterzeichnenden verpflichteten sich darin, Diskriminierung am Wohnungsmarkt künftig vermeiden zu wollen, insbesondere bei Verkauf und Vermietung.  „Das ist gut, aber darauf, was im privaten, viel größeren, Sektor passiert, haben wir trotzdem wenig Einfluss“, gesteht Martina Mittenhuber.

Entziehung des Gewerbescheins wäre möglich

Mehr Handhabe haben sie dagegen seit 2010 beim Nürnberger Gewerbe. 2010 wurde eine Antidiskriminierungsklausel für Gewerbe in Nürnberg auf den Weg gebracht. Jede Gaststättenerlaubnis erhält seitdem den Hinweis, dass „der Besuch und die Bedienung in einer Gaststätte oder Diskothek nach dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz grundsätzlich nicht wegen der ethnischen Herkunft des Gastes oder aus sonstigen diskriminierenden Gründen verweigert oder eingeschränkt werden [darf]. Derartige Verstöße können zu Schadensersatzansprüchen führen und auch die für den Gewerbebetrieb erforderliche Zuverlässigkeit des Betreibers in Frage stellen.“

Kommt es dennoch zu mehrfachen Beschwerden, könne der Gewerbeschein entzogen werden, berichtet Martina Mittenhuber. Wie oft es bislang schon dazu gekommen ist? „Kein Mal“, berichtet Martina Mittenhuber, „es gab bislang keine mehrfachen Beschwerden. Offensichtlich ist es bisher gelungen, nach erstmaligen Beschwerden Abhilfe zu schaffen.“

Verpflichtende Schulungen für Nachwuchskräfte

Hinsichtlich des zweiten Aufgabenbereichs, der Präventionsarbeit, ist es beispielsweise seit 2013 verpflichtend, dass Nachwuchskräfte der Stadt Nürnberg je einen Schulungstag zu den Themen Menschenrechte und Antidiskriminierung absolvieren müssen. Martina Mittenhuber: „Wir wollen einfach, dass unsere Beschäftigten den ratsuchenden Bürger:innen mit einer respektvollen und diskriminierungsfreien Haltung begegnen.“

Und auch an den Schulen wird versucht, für Rassismus und Diskriminierung zu sensibilisieren. Ein Beispiel ist zum Beispiel das bundesweite Projekt „Schule ohne Rassismus, Schule mit Courage“ des Vereins „Aktion Courage“, koordiniert vom Bayerischen Jugendring und den den jeweiligen Regionalbüros; finanziert von verschiedenen Förderern, darunter der Bundeszentrale für politische Bildung und dem Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Allein in Bayern haben rund 700 Schulen das schwarz-weiße Schild mit dem Projektnamen am Schulgebäude hängen.

Nur ein Feigenblatt oder Anstoß zur Diskussion?

Zuletzt hagelte es jedoch über Twitter massiv Kritik. Ein Feigenblatt für die Schulen hieß es dort mit Blick darauf, dass in einem Schuljahr 70% der Schüler:innen eine Selbstverpflichtung für ein Projekt pro Schuljahr unterschreiben und dann nicht weiter kontrolliert wird, was in den Folgejahren wirklich passiert. Die Leiterin der Landeskoordination des Projekts, Dr. Eva Riedl, sagt dazu: „Das Schild ist keine Auszeichnung, sondern eine tägliche, visuelle Erinnerung an die unterschriebene Selbstverpflichtung. Es braucht eine stete Auseinandersetzung mit dem Thema, die wir nicht erzwingen können. Wir sind keine mobile Eingreifgruppe. Wir können ein Angebot machen – mit Couragementoren und -coaches oder Fachtagen zum Austausch untereinander – aber jede Schule handhabt die Umsetzung der Selbstverpflichtung anders. Deshalb ist es gut, dass Schülerinnen und Schüler verbalisieren: ,Bei uns hängt ein Schild, aber es passiert nichts.'“

Einige Schüler:innen fühlen sich dennoch im Stich gelassen, wie die 16-jährige Realschülerin Nina K. schildert: „Die Idee ist gut. Aber die Umsetzung ist die falsche. Wir hatten nie irgendwelche Workshops, in denen wir über Rassismus hätten aufgeklärt werden können. Da wende ich mich an die Politik: Wenn sie das Vorhaben unterstützt, muss sie auch dafür sorgen, dass vor allem den Fünftklässlern erklärt wird, dass manche Witze, Sprüche oder Spiele, auch wenn sie es nicht böse meinen, rassistisch sind. Dass sie sich aktiv einsetzen und Courage zeigen. Erst wenn das verwirklicht wird, ist das Projekt sinnvoll. “

Kommt es zu Diskriminierungen im Alltag, haben Betroffene die Möglichkeit, sich in der Nürnberger Antidiskriminierungsstelle eine rechtliche Ersteinschätzung (keine Rechtsberatung) zu holen. Sie ist angedockt ans Menschenrechtsbüro der Stadt und deren Leiterin ist Ipek Erdönmez. Sie prüft zunächst, ob die Diskriminierung ein Fall gemäß dem sogenannten Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG) ist, also ob es Ansprüche nach dem AGG gibt oder welche Formalien (Fristen) einzuhalten sind und versucht, über Rechte aufzuklären sowie zwischen beiden Parteien zu vermitteln.

Je nach Fallkonstellation kann eine Stellungnahme von Unternehmen, Einrichtung, Verein oder ähnlichem angefordert, wo möglicherweise eine Diskriminierung stattgefunden hat. „Dadurch, dass wir direkt ans Bürgermeisteramt angebunden sind, dauert es keine Woche, bis wir eine Antwort haben“, sagt Ipek Erdönmez. Und dann?

Rassismus, Diskriminierung, Mobbing – was ist das eigentlich? Rassismus ist die (Geistes-)Haltung, die oft Klischees und Stereotype nutzt. Diskriminierung die daraus resultierende Handlung, Äußerung oder auch Unterlassung. Mobbing kann (muss aber nicht zwangsläufig) aufgrund rassistischer Gründe erfolgen. Ein Beispiel: Wenn jemand gemobbt wird, weil er eine Brille trägt, ist es nicht gleich Rassismus. Liegt der Tat aber Ablehnung oder Hass gegen Menschen mit (Seh-)Behinderung zugrunde, ist es sehr wohl rassistisch.

Klagen (die die Betroffenen selbst einreichen müssten) seien in manchen Fällen möglich, oft von den Betroffenen aber gar nicht gewünscht. Sie wollen eine Entschuldigung und die Anerkennung der Gegenseite, dass die Äußerung oder Handlung diskriminierend beziehungsweise rassistisch war. So wurde die Stelle beispielsweise etwa 2015 tätig, um den Mohrenkopf (ein Begriff, der eben auch aus der Kolonialzeit kommt) vom Nürnberger Volksfest zu verbannen. Eine Schwarze Frau hatte sich bei der Stelle über die Werbung von Schaustellern beschwert. Das Menschenrechtsbüro hat mit dem Ordnungsamt dann dort vorgesprochen, aufgeklärt und sensibilisiert und von dem Schausteller Verständnis erfahren.

Rund 190 Beratungsfälle pro Jahr, Dunkelziffer: 80 Prozent

Also alles gut? Von wegen! Die zu Beginn des Textes geschilderten Beispiele sind keine Einzelfälle. Rund 190 Beratungsfälle verzeichnet die Antidiskriminierungsstelle der Stadt Nürnberg pro Jahr. Das ist mehr als jeden zweiten Tag eine Person, die wegen erfahrener Diskriminierung dort Hilfe sucht. Die Nürnberger Antidiskriminierungsbeauftragte Ipek Erdönmez: „Wir sind für viele Menschen die Ultimo Ratio. Sie haben bereits an vielen anderen Stellen erfolglos Unterstützung gesucht, bevor sie zu uns kommen. Gleichzeitig geht die Antidiskirminierungsstelle des Bundes von einer enormen Dunkelziffer von rund 80 Prozent aus.“

💡💡💡 Die Politik 💡💡💡

Von Diskriminierung spricht man laut dem Allgemeinen Gleichbehandlungsgesetz (AGG), wenn Menschen aufgrund von Religion, Sprache, ethnischer Herkunft, Hautfarbe, Alter, Gesundheitsstand, sexueller Identität oder Orientierung herabgewürdigt, benachteiligt, belästigt oder bedroht werden.

Für die Nürnberger Antidiskriminierungsbeauftragte Ipek Erdönmez, die zugleich Juristin ist, reicht das noch nicht weit genug: „Zum einen wäre eine Erweiterung der Diskriminierungsmerkmale im AGG, z. B. um den sozialen Status (also Sozialhilfeempfänger und Obdachlose) begrüßenswert. Zum anderen müssen wir Regelungslücken schließen, um neben dem Alltagsrassismus auch strukturellem oder institutionellem Rassismus Herr zu werden: Das AGG ist zwar ein Bundesgesetz. Es existieren jedoch Bereiche, wo weder Bund noch Kommune tätig werden können, da die Polizei, die Schulen oder die Hochschulen Ländersache sind. Sprich: Da haben wir derzeit einfach noch keinerlei Handhabe.“

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Der Nürnberger Musiker Charles Junior hat im Auftrag der Antidiskriminierungsstelle ein Musikvideo mit Ohrwurm-Garantie für Vielfalt gegen Diskriminierung erstellt. Quelle: Youtube

Sie wünscht sich zudem Sanktionsmöglichkeiten wie sie ein:e Datenschutzbeauftragte hat: „Dort werden Unternehmen bei Verstößen mit einem Bußgeld von bis zu vier Prozent des Jahresumsatzes sanktioniert.“ „Außerdem weiß jeder auf der Straße, was der/die Datenschutzbeauftragte macht und warum er/sie wichtig und sinnvoll ist. Die Antidiskriminierungsbeauftragten könnten mit ähnlichen Kompetenzen ausgestattet sein.

Denn viele Betroffene wissen gar nicht, dass es uns gibt. Bis sie dann kommen, ist die Anspruchsfrist abgelaufen. Sie beträgt bei Diskriminierung nämlich gerade einmal zwei Monate. Das muss dringend geändert werden! Doch bislang ging es im Bundestag nicht durch“, so die Antidiskriminierungsbeauftragte der Stadt Nürnberg weiter.

💡💡💡 Wir persönlich 💡💡💡

Es wird Zeit, dass wir Weißen den Spruch „Rassismus, hier bei uns? Gibt’s doch nicht!“ ad acta legen und die Augen öffnen. Oder noch besser: „Raus aus Happyland“. So hat es eine Autorin formuliert, die mir während meiner Recherche begegnete. Die Reaktionen, die sie bei Weißen Menschen über die Jahre feststellte, wenn sie sie auf eine rassistische Äußerung hinwies, waren vielfältig, aber selten zielführend: Sie reichten von Wut („wie kannst Du es wagen, mir das zu unterstellen?“), Relativierung („Und was ist mit Rassismus gegen Weiße?“; Antwort von Ipek Erdönmez von der Antidiskriminerungsstelle: „Da hatte ich in all den Jahren noch keinen einzigen Beratungsfall“), Negierung („Ich erleb’s nicht, also gibt’s das nicht“), Runterspielen („Du bist viel zu sensibel!“) bis hin zum Totschlagsargument in Form der Umkehrkeule („Ich hab‘ auch schon viel schlimmes erlebt. Ich will nun über mich reden.“).

Einerseits: Ja, wer wird schon gerne mit seinen eigenen Fehlern konfrontiert. Ein unangenehmes, da peinliches Gefühl. Andererseits: Wäre es vielleicht nicht besser, wenn wir Weiße gerade da nicht in die Verteidigung wechseln, sondern besser der Ursache unseres Gefühls nachspüren? Warum fühle ich mich nun angegriffen? Habe ich vielleicht doch irgendwo einen Fehler gemacht – wenn auch unbewusst und ungewollt?

Sprache erzeugt Wirklichkeit

Viel zu viele Diskussionen, das hörte ich während der Recherche immer wieder, bleiben bei der Frage stecken, welches Wort nun zu sagen oder nicht zu sagen ist. Warum etwas diskriminierend ist, oder nicht. Dabei sind es nicht wir Weißen, die das zu beurteilen haben. Sondern jene, die aufgrund unserer Worte Leid erfahren – seit Jahrhunderten. Die Autorin: „Sprache ist Macht und Macht erzeugt Wirklichkeit.“ Genau deshalb gibt es bislang vergeblich immer wieder den Appell, die Darstellung von Nicht-Weißen Menschen in Kinderbüchern wie Räuber Hotzenplotz oder Pipi Langstrumpf sowie in Spielen oder der Kunst zu überdenken und zumindest zu kontextualisieren.

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Der Nürnberger Kunstschaffende Jean-Francois Drozak formuliert seine Handlungsempfehlung deshalb so: Statt als Weiße lange zu diskutieren, wie welches Wort beim Gegenüber ankommt und sich zu rechtfertigen, dass es doch nicht so gemeint war, sollten Weiße „zuhören, zuhören, zuhören und nochmal zuhören. Wenn mir eine Frau davon erzählt, wie sie sexuelle Gewalt erlitten hat, habe ich als Mann auch erst einmal die Klappe zu halten – solange, bis sie mich darum bittet, etwas zu machen oder zu sagen. Nicht anders ist es beim Thema Rassismus: Hört uns zu und öffnet Eure Wohnzimmer für uns und unsere Kinder.“

„Ladet uns ein, am Sonntag nach dem Gottesdienst“

Er erzählt, dass er mit sechs Jahren nach Deutschland kam, doch bis er 16 Jahre alt war, bei keiner deutschen Familie zu Gast sein durfte. „Meine Freunde waren dagegen oft bei mir. Hast Du schon einmal nach dem Gottesdienst am Sonntag eine beispielsweise türkische Familie aus Deiner Nachbarschaft zum Rinderbraten-Essen zu Dir nach Hause eingeladen – einfach so, um ins Gespräch zu kommen? Das wäre ein Anfang!“

Bis das nicht in der Masse der Fall ist, ist ein Freund mit Migrationshintergrund, eine Schwarze Keynotespeakerin auf einer Firmenveranstaltung oder der Besuch einer #BlackLifesMatter-Demo, die derzeit auch in Nürnberg immer wieder stattfinden, womöglich nur ein Feigenblatt für uns Weiße.

Die eigene Haltung überdenken

Für ein echtes Umdenken, müssen wir zuerst an uns arbeiten, unsere eigene Haltung überdenken. Die Autorin: „Wir müssen verstehen, wie tief Rassismus in uns steckt. Wir müssen die Historie verstehen. Wir müssen verstehen, wie sehr wir von Stereotypen geprägt sind.“ Und dann dagegen angehen.

Das bedeutet auch, Rassismus als solchen offen zu benennen und in Konfliktsituationen darauf aufmerksam zu machen, uns auf die Seite der Betroffenen zu stellen – auch, wenn diese nicht direkt an unsere Seite springen, weil sie zu müde oder desillusioniert sind, im Kampf gegen den alltäglichen Rassismus. Aber es ist ein Zeichen. Oder um es mit Martin Luther Kings Worten zu sagen: „Am Ende werden wir uns nicht an die Worte unserer Feinde erinnern, sondern an das Schweigen unserer Freunde.“

Ob das dann ausreicht? Wir wollen Deine Meinung wissen: Welche Strategien und Handlungsmöglichkeiten siehst Du? Schreibe es uns hier in die Kommentare!

Was Du tun kannst:

Komme mit Deinen Nachbar:innen ins Gespräch. Lade sie ein und binde sie in die Vorbereitung mit ein – und vermeide Klischees wie „Du kommst doch aus der Türkei, bringe doch bitte etwas Türkisches zu essen mit.“ Vielleicht isst die Person nämlich genauso gerne Pfannkuchen wie Du?

Sag’s anders! Hier erfährst Du, warum das N-Wort ultra verletztend ist und wie man’s besser macht. Das Glossar des Antidiskriminierungsbüros Köln ist eine Art kompakter „Sag’s besser“-Katalog mit Kurzerklärungen, warum die eine Version bescheiden ist.

„Der Schwarze Kollege hat aber auch mitgelacht.“ Nicht immer will man einen Streit vom Zaun brechen. Besteht womöglich ein Abhängigkeitsverhältnis? Und nicht immer herrscht gleiche Betroffenheit. Es ist aber völlig egal: Klischees und Stereotype zu bedienen, steht keinem Menschen zu. Und es zählt, wie die Botschaft ankam, nicht wie „nicht so ernst“ man sie meinte.

Woher Rassismus eigentlich kommt, erklärt modern und verständlich eine Reihe des Bayerischen Rundfunks, die in der Mediathek zu finden ist. Außerdem empfiehlt Jean-Francois Drozak, der Nürnberger Kulturschaffende Raoul Pecks Dokumentarfilm „I Am Not Your Negro“. Darin spricht der bereits verstorbene Schriftsteller James Baldwin darüber, was es heißt, schwarz zu sein.

Ich will’s echt besser machen. Gib mir mehr Lesestoff, wie ich handeln soll: Alice Hasters Buch „Was weiße Menschen über Rassismus hören wollen, aber wissen sollten“ wurde mir ebenso empfohlen wie Tupoka Ogettes Buchs „Rassimuskritisch denken. Letztere gibt’s auch als Podcast „Tupodcast“.

Unsere Lokalblog-Pionierin Maria Geisler hat sich ihr tiefes Wissen unter anderem per Instagram angehäuft. Ihre Must-Follow-Kanäle zu dem Thema: @shanafilmore oder @saymyname_bpb. Die Bundeszentrale für politische Bildung hat zudem gerade die #blackexpertchallenge unterstützt, sammelt Kanäle von Schwarzen Expertinnen, denen man unbedingt mal folgen sollte.

Der höchst umstrittene, da längst widerlegte Begriff der „Rasse“ findet sich auch noch im Grundgesetz. Warum er ersetzt werden sollte, berichtet der Nürnberger Menschenrechtsblog hier.

Best-practice-Beispiele im Rahmen von „Schule ohne Rassismus, Schule mit Courage“ sammelt der Bayerische Jugendring derzeit auf Instagram: @courage_in_bayern. Außerdem kann man bei der Landeskoordinierungsstelle Bayern gegen Rechtsextremismus kostenlos Literatur downloaden zu Rechtsextremismus und -populismus, Rassismus und gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit.

Welche Möglichkeiten siehst Du? Lass uns in einen Dialog kommen: hier in den Kommentaren oder in unserer Facebookgruppe „Ideen für Nürnberg und unsere Region„.

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Autor:in
Alexandra Haderlein