Und auf einmal war da ein Regenbogen. Auf einem Bauwerk der Nazi-Zeit. Dürfen die Künstler:innen das? Ist das erlaubt? Ist das angemessen? Hat die Stadt die Farbe zu schnell beseitigen lassen? Mit den richtigen Mitteln - und auch Argumenten? Die Über-Nacht-Aktion einer anonymen Künstlergruppe namens "Regenbogen-Präludium" an der Nürnberger Zeppelin-Tribüne von Dienstag auf Mittwoch (27./28. Oktober 2020) hat für Diskussion in der Stadt gesorgt. Aber die Kernfrage ist eine ganz andere: Wie gehen wir junge Generationen mit diesem Teil der deutschen Geschichte um?

Was der Regenbogen auf der Tribüne mit Dir zu tun hat

9. November 2020

>>>Fortsetzung aus dem Newsletter: >>>

„Jede Generation muss sich solch einen Ort neu erschließen und überlegen: Welche Schlüsse ziehen wir daraus? Erinnerungskultur ist nichts Starres, dass an der Wand hängt“, findet Diana Liberova. Sie ist Stadträtin der SPD, Vorsitzende des Vereins zur Förderung der Städtepartnerschaft Nürnberg-Hadera und blickte mit ihrer Familie 1998 als sogenannte Kontingentflüchtlinge von den Grundig-Türmen aus auf die Zeppelintribüne – „bis heute ein bedrückender Ort für mich“.

Der erhobene Zeigefinger bei Veranstaltungen oder von Lehrer:innen oder Museumspädagog:innen kommt bei heutigen Generationen nicht mehr an: „Junge Menschen fühlen sich beim Erinnern nicht gemeint. Denn sie müssen auch nichts vergessen. Sie müssen erst lernen, was da mal war“, weiß Alexander Schmidt. Als Historiker am Doku-Zentrum hat er immer wieder mit Schulklassen zu tun beziehungsweise kennt durch seine Kinder die Sichtweise der jungen Erwachsenen. Helga Riedel vom Menschenrechtsbüro der Stadt macht es greifbar: „In Nürnberg gab es auch drei Opfer des Nationalsozialistischen Untergrundes (NSU). Der erste Mord geschah im Jahr 2000. Selbst das wissen Jugendliche nicht mehr zwangsläufig, es war vor ihrer Zeit.“

Lasst uns die Nazis auf die Palme bringen!

Rückblick: Was war da, mit diesem Regenbogen?

In der Nacht vor der Bekanntgabe, ob Nürnberg Europäische Kulturhauptstadt 2025 wird, oder nicht, haben die anonymen Künstler:innen einzelne Streifen der Zeppelintribüne in den Regenbogenfarben angemalt. Genau jenes monströse, 360 Meter lange Bauwerk, von dessen Kanzel Adolf Hitler hetzte und Hass verbreitete und das seit 1973 unter Denkmalschutz steht.

In den Augen vieler Nürnberger:innen war der Regenbogen nun ein tolles Zeichen für die Vielfalt und gegen den Nationalsozialismus. „Ich identifziere bis heute immer wieder Neo-Nazis dort, die dorthin pilgern und Selfies machen. Mit dem Regenbogen wäre ihre Pilgerstätte für immer entweiht gewesen“, meint beispielsweise Bastian Brauwer, Vorsitzender des Fördervereins Christopher Street Day Nürnberg.

Die Stadt argumentierte in ihrer offiziellen Stellungnahme jedoch damit, dass die Farbe den Stein angreife und ließ zwei Tage später mit Hochdruckreinigern das Kunstwerk entfernen; erstattete außerdem Strafanzeige. Für Bastian Brauwer, der zugleich staatlich geprüfter Restaurator im Steinmetz- und Steinbildhauerhandwerk ist, unverständlich: „Die Farbe darf man sich nicht vorstellen, wie das, was man im Baumarkt kaufen kann. Es war lediglich Tapetenkleister mit Farbpigmenten. 100 Prozent entfernbar. Dazu hätte – wie bei der heimischen Tapete – Wasser mit Spülmittel und einer Bürste vollkommen ausgereicht. Dem Stein hat die ,Farbe‘ nichts ausgemacht – eher der Hochdruckreiniger, mit dem die eh schon angegriffene Steinoberfläche noch weiter aufgeraut wurde.“

So oder so: Der Regenbogen hat für Diksussion, um den Umgang mit den Hinterlassenschaften der Nationalsozialisten gesorgt und genau das ist es, worauf es laut SPD-Stadträtin Diana Liberova, die auch Teil der Israelitischen Kultusgemeinde Nürnberg ist, ankommt: „Hätte er länger gestanden, wäre er irgendwann Alltag geworden. So war es die richtige Aktion, zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort.“ Wenngleich sich Kritiker der Kunstaktion wie Siegfried Zelnhefer, promovierter Historiker und ehemaliger Leiter des Presseamts der Stadt Nürnberg.  diese wichtige, öffentliche Diskussion besser vor statt nach dem Kunst-Anstrich gewünscht hätten.

Für junge Nürnberger:innen ist es dementsprechend heutzutage selbstverständlich, an der Steintribüne skaten zu gehen, Tennis zu spielen oder auch einfach nur dort zu sitzen, um den Sonnenuntergang zu beobachten. Pietätlos? Nein. Im Gegenteil: Alles, „was nicht dem Ursprungsgedanken entspricht und die Nazis auf die Palme bringt“ ist gut, findet Diana Liberova. Sie selbst hatte mit dem Förderverein Nürnberg-Hadera erst vor wenigen Tagen solch ein Zeichen gesetzt: Anlässlich des jüdischen Laubhüttenfestes baute der Verein kurzzeitig eine Laubhütte aufs Dach der NS-Kongresshalle.

Und nicht nur sie. Günther Kronenbitter ist Professor am Lehrstuhl für europäische Ethnologie und Volkskunde an der Universität Augsburg. Einer seiner Schwerpunkte: Erinnerungskultur. Er ergänzt, dass Mahnmale in unserem alltäglichen Leben, eine wichtige Funktion erfüllen können: „Sie erinnern uns stets daran: So, wie wir es jetzt haben, war es nicht immer.“

Indem wir uns also ganz alltäglich damit auseinandersetzen, holen wir die Geschichte in die Gegenwart, denken darüber nach, machen bestenfalls etwas daraus. Aneignung und pragmatische Umnutzung nennt sich diese Form der modernen Erinnerungskultur. Das Feiern von „Rock im Park“, der Besuch des „Norisringrennens“ oder auch schon 1978 das Konzert von Bob Dylan am Zeppelinfeld, das bewusst mit dem Rücken zur Tribüne stattfand, sind weitere solcher Formen.

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Längst nicht alle Nürnberger:innen haben die Historie im Kopf, wenn sie am Zeppelinfeld oder allgemein dem Reichsparteitagsgelände unterwegs sind – zu dem der Luitpoldhain (Ort des „Klassik Open Airs“) genauso zählt wie der Dutzendteich, der Volksfestplatz oder die große Straße und das Stadion.

Um daran zu erinnern, stehen auf dem gesamten Gelände Infotafeln. Ein niedrigschwelliger Zugang für alle: Absolut. Wirklich ansprechend für junge Leute? Nun, ja… QR-Codes könnten womöglich helfen. Denn in einer Zeit, in der man die Anzahl der verbliebenen Zeitzeug:innen an wenigen Händen abzählen kann und zugleich moderne Medien neue Möglichkeiten liefern, könnte man zumindest deren Erfahrungen konservieren. Gruselig? Womöglich. Hilfreich? Definitiv.

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Überlebende in Augmented Reality

Denn, da sind sich alle Geschichtsvermittler:innen und in der Bildungsarbeit tätigen, interviewten Personen einig: Um die Geschichte zu begreifen, sich die Frage „was hat das mit mir zu tun?“ beantworten zu könnnen, brauchen (junge) Menschen, einen Bezug:

  • räumlich, indem man den Größenwahn der Nazis selbst einmal erlaufen kann oder sich oben auf die Steintribüne stellen kann, um den Eindruck wirken zu lassen. Wäre ich auch einer in der jubelnden Masse gewesen? Was für ein Gefühl gibt es mir, hier oben zu stehen? Und wie leicht falle ich heutigen Versprechen anheim? „Ich habe schon ganz viele Filme über die Konzentrationslager angesehen. Aber wenn Du dann im KZ Flossenbürg vor der Gaskammer stehst, wird das alles nochmal so viel greifbarer“, sagt beispielsweise auch Bastian Breuwer vom Förderverein des Christopher Street Day Nürnberg. Und:
  • auch ein persönlicher Bezug ist nötig. So werden die Opfer, ja, deren Geschichten sichtbar. Und bekommen bestenfalls einen Bezug zur Lebenswirklichkeit der heutigen Generationen. Der vorhin angesprochene QR-Code könnte da ein Bindeglied sein: Am Leibniz-Rechenzentrum der Bayerischen Akademie der Wissenschaften läuft derzeit das Projekt „Lediz“ (=Lernen mit digitalen Zeugnissen), dass es einem ermöglicht, Überlebenden der nationalsozialistischen Gewaltverbrechen seine persönlichen Fragen zu stellen. Eine Spracherkennungssoftware erkennt die Frage und spielt die passende Antwort der/des Zeitzeug:in aus. So kann man mehr über deren/dessen Lebensgeschichte erfahren werden – wie im Gespräch mit den eigenen Großeltern. Möglich machen all das zuvor in 3D-Filmtechnik aufgenommene Interviews mit jeweils rund 1000 Fragen. Die interaktiven 3D-Visualisierungen, die umgangssprachlich „Hologramme“ genannt werde, könnten auch noch in 100 Jahren Generationen einen Austausch wie in diesem Video mit den Zeitzeugen ermöglichen – und helfen, sich und die eigenen Haltungen selbst zu hinterfragen.

Bei diesem „Wir“ wäre ich nicht dabei gewesen

Seit Jahren sind Geschichtsvermittler bemüht, genau diesen persönlichen Bezug herzustellen. Der Kreisjugendring, der für Schulklassen und Gruppen Führungen über das Reichsparteitagsgelände anbietet, bemerkt laut Geschäftsführer Walter Teichmann immer wieder, dass beim Bericht der Nazi-Ideologie, Schüler:innen feststellen: „Okay, ich wäre bei deren heraufbeschworenem, stark ausgrenzendem ,Wir‘ nicht dabei gewesen.“

Ein weiteres Schulprojekt, angestoßen von einem Kulturschaffendenden: Jean-Francois Drozak hat 2017 ein P-Seminar des Dürer-Gymnasiums die Familiengeschichte der ehemaligen, jüdischen Nürnberger Familie Jesuran recherchieren lassen. Damit einher gingen vielerlei Gespräche und persönliche Begegnungen. Am Ende entstand ein Comic, der inzwischen in verschiedenen Sprachen und Dialekten kostenlos hier erhältlich ist. Foto: Jean-Francois Drozak

Eine achte Klasse der Nürnberger Wirtschaftsschule hatte 2017 zusammen mit Künstler Harald Kienle und dem Menschenrechtsbüro der Stadt Nürnberg im Gedenken an die 1950 Opfer des Luftangriffs auf Nürnberg am 2. Januar 1945 genau so viele Narzissen am Nürnberger Südriedhof gepflanzt. Zuvor hatten sie sich im Unterricht mit dem Thema Krieg und Vertreibung auseinander gesetzt. „Da entstand Raum, die Geschichte der Stadt mit der eigenen Geschichte zu verbinden. Einige Schüler stammten aus Syrien oder hatten Elternteile aus Ex-Jugoslawien. Sie berichteten, wie die Kriegserlebnisse und -erzählungen ihr Leben geprägt haben“, erinnert sich Helga Riedel vom Menschenrechtsbüro der Stadt Nürnberg. Eine Lehrkraft habe ihr daraufhin mitgeteilt: „Das war die bewegendste Unterrichtsstunde seit langem.“

Zeppelinfeld wird Lernort, auch mit Zukunftsfragen

Die Stadt Nürnberg ist derweilen nicht untätig: Ursprünglich bis 2025, wenn Nürnberg Kulturhauptstadt hätte werden sollen, sollte auf dem Zeppelinfeld ein „Lern-und Begegnungsort“ entstehen. „Nun wird’s wohl noch fünf bis sieben Jahre länger dauern“, so Alexander Schmidt vom Doku-Zentrum. Bundestag, Landtag und auch der Stadtrat haben sich für den Erhalt des ehemaligen Reichsparteitagsgeländes ausgesprochen, ja dies schon beschlossen. Teilweise seien die Baumaßnahmen schon ausgeschrieben.

Geplant ist unter anderem die Instandsetzung der Zeppelintribüne und Öffnung dieser für die Allgemeinheit, um Mystifizierungen vorzubeugen. Die Sport- und Freizeitnutzung des Ortes bleibt davon unberührt, heißt es von der Stadt. Alexander Schmidt vom Doku-Zentrum hofft auch auf einen Informationspavillon und die Einbindung auf Zeit von verschiedensten Zukunftsthemen: „Junge Generationen beschäftigen Klima- und Umweltthemen total. Das können wir nicht ausklammern. Aber gut mit aufnehmen: Wie sind die Nazis mit der Natur umgegangen?“

Für die Kongresshalle, die nur zur Hälfte fertig gestellt ist, und einmal im Jahr für eine Rede Adolf Hitlers genutzt werden sollte, wurden laut Schmidt binnen eines halben Jahres 800 Bäume gerodet. Auch die Große Straße sei eine gigantische Schneise in der Natur: „Die Natur war unter den Nazis nur noch Deko ihrer Bauten. Zum Beispiel wurden für das gesamte Areal extra Eichen angekarrt, damit es möglichst deutsch aussieht.“ Auch der große und kleine Dutzendteich habe alles nur keine natürliche Form, so Schmidt.

Freie Kunst am Ort der Zensoren

Neben dem Zeppelinfeld, soll sich auch in der Kongresshalle was tun. Das überdimensionale Gebäude neben dem Volksfestplatz beherbergt bislang die Nürnberger Symphoniker und das Doku-Zentrum, das zusammen mit dem Saal 600 als städtisches Museum so viele Besucher anzieht wie kein anderes – 300.000 Menschen im Jahr. Der Großteil der Kongresshalle steht seit dem Ende von Quelle, die dort Lagerstätten hatte, leer.

Warum der Eingang des Doku-Zentrums aussieht, wie er aussieht?

Das Dach des Eingangs soll einen Pfeil symbolisieren, der sich in die Nazi-Architektur der Kongresshalle bohrt. Der Eingang mit seinen Stufen selbst ist bewusst extra angedockt, damit Besucher:innen nicht auf den Spuren der Nazis wandeln. Um sich so stark es geht, der Architektur der Nazis entgegenzustellen, setzte der Architekt Günther Domenig beim Bau des Dokuzentrums (Eröffnung: 2000) auch bewusst auf viel Glas, Stahl und Alu.

Den Vorschlag der Überbauung der Zeppelintribüne jüngst vom Nürnberger Architekturbüro Glöckner³ findet Alexander Schmidt vom Doku-Zentrum nicht passend: „Das nähme den Ort komplett in Beschlag und löse auch den Zusammenhang von Zeppelinfeld und Tribüne komplett auf.“

Nachdem die Künstler:innen auf dem AEG-Gelände dort ihre Zwischennutzung bald beenden müssen, überlegt die Stadt, die Kongresshalle der freien Kunstszene zur Verfügung zu stellen. Derzeit laufe eine architektonische Machbarkeitsstudie; die Räume seien groß und hell, beschreibt Alexander Schmidt. Der große Haken: „Ohne Miete wird es kaum gehen.“ Denn genau genommen, ist auch die Kongresshalle als typischer Bau der Nazizeit zu überdimensioniert für normale Zwecke: Die Räume seien 3,5 Meter hoch. „Jede Tür ist da eine Sonderanfertigung, die mal schnell 40.000 Euro kostet.“

Heizung und Brandschutz müssten ebenfalls angegangen werden. Und allein das Streichen der 84 riesigen Fenster auf einer Etage belaufe sich auf 100.000 Euro, so Alexander Schmidt. Mit einer erfolgreichen Kulturhauptstadt-Bewerbung wäre es leichter gewesen, der hiesigen Kunstszene hier eine neue Heimat zu geben, „Geld wäre vom Freistaat gekommen“. Nun, und auch noch mit dem aufgrund der Corona-Pandemie knappen Budget der Stadt Nürnberg, könnte dies laut Schmidt ziemlich schwierig werden.

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Autor:in
Alexandra Haderlein