Was hat die Schweizer Stadt Luzern mit Nürnberg zu tun? Und was das Ganze mit einem Vorhaben, das die Nürnberger Regierung aus CSU und SPD in ihren Koalitionsvertrag geschrieben hat? In unserer neuen, unregelmäßigen Rubrik „Erklär’s mir“, werden wir Euch größere Projekte vorstellen, die die Stadtpolitik in ihrer Amtszeit bis 2026 umsetzen möchte. Das war eine Bitte von Lokalblog-Pionieren wie Dir, der wir künftig sehr, sehr gerne nachkommen wollen. Diesmal: ein Konzerthaus für Nürnberg. Weshalb und was die Nürnberger Kulturszene dazu sagt, liest Du hier:

Erklär’s mir: Das Konzerthaus

8. August 2020

Ein Bau mit Strahlkraft – für die Hochkultur

Dieses Vorhaben hat Geschichte! Die ersten Beschlüsse reichen bis 2015 zurück – und zumindest gefühlt fast ebenso lange die Kritik daran. Sogar zu Unstimmigkeiten zwischen CSU, SPD und Grünen hat dieses Projekt schon geführt. Doch mal langsam, was ist überhaupt geplant? Und wer hilft der lokalen Kulturszene?

Die Nürnberger Symphoniker und die Nürnberger Philharmonie, die bislang in der Meistersingerhalle (Symphoniker) beziehungsweise dem Opernhaus (Philharmonie) auftreten, freuen sich: Sie sollen mit dem Nürnberger Konzerthaus ab 2024 ein neues Zuhause bekommen. Neben/ vor der Meistersingerhalle (also an der Ecke Münchner Straße/Schultheiß Allee (richtung Volksfestplatz)) soll im kommenden Frühjahr mit dem Bau begonnen werden.

Weil die beiden Orchester alleine keine vollständige Auslastung schaffen, soll das neue Konzerthaus auch große nationale und internationale Orchester anlocken, die mangels Veranstaltungsort mit guter Akustik bislang eher nicht nach Nürnberg gekommen sind, berichtet Dr. Ulrich Blaschke. Auch Showproduktionen seien womöglich noch denkbar. Dr. Ulrich Blaschke ist SPD-Stadtrat und sitzt in der extra für das Projekt eingerichteten Konzerthaus-Kommission des Stadtrates.

Die prämierten Entwürfe beim Architekturwettbewerb für das neue Konzerthaus neben der Meistersingerhalle.
Nicht wundern: statt eines dritten Preises gibt es zwei vierte. Quelle: Planungs- und Baureferat/ Stadt Nürnberg

Wie das künftige Gebäude aussehen soll, wurde 2018 mit einem Architekturwettbewerb, entwickelt. 246 Einsendungen gab es. Die prämierten Entwürfe haben wir in der obigen Galerie vorgestellt. Den Zuschlag erhielt der Nürnberger Architekt Johannes Kappler zusammen mit Kolleg:innen aus Nürnberg, Berlin und Zürich. Die Jury lobte, dass die von dem Team vorgeschlagene Version der Konzerthalle mit viel Glas (außen) und Naturstein sowie Holz (im Innern) „respektvoll“ mit der Meistersingerhalle umgehe. Sie also nicht übertrumpfe, sondern zu einem Ensemble verbinde. Ein späterer Übergang ist von einem Foyer ins andere geplant.

Das Vorbild steht in Luzern

Das aber wirklich Einzigartige an dem künftigen Bau soll die Akustik werden. Weil diese keine andere Spielstätte in der Region biete, habe das Projekt Strahlkraft für die gesamte Region, ist sich der SPDler Ulrich Blaschke sicher. Um die bestmögliche Klangqualität zu erarbeiten, haben die Verantwortlichen vorneweg einiges unternommen: Eine etwa zehnköpfige Gruppe hat sich Konzerthäuser in Darmstadt, Bochum und Luzern angesehen – „so können die Stadträte, die ja über das Vorhaben entscheiden sollen, deutlich besser urteilen und nachvollziehen, was mit einhüllendem oder warmen Klang gemeint ist“, sagt Alexander Leupold. Er betreut im Baureferat die Kulturgroßbauprojekte der Stadt.

Wieso man 2019 ausgerechnet in Darmstadt, Bochum und Luzern war? Das Haus in Darmstadt sei ein Referenzbau des auch in Nürnberg tätigen Architekten gewesen, zweiteres weise einen vom Chef-Akkustiker Eckhard Kahle betreuten Saal auf und die Luzerrner Spielstätte ist laut Andreas Leupold einfach „hinsichtlich des Klangs einer der besten Säle der Welt“.

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Eckhard Kahle, der auch Musiker und Physiker aus Brüssel (Belgien) ist, habe mal bei einem Treffen gesagt, Luzern sei nach dem damals besten Stand der Technik gebaut worden. Was er heutzutage aufgrund des Fortschritts noch besser machen könne, fließe nun ins Nürnberger Vorhaben mit ein, berichtet einer der Projektbeteiligten. Und so wurde für 100.000 Euro im Juli anhand eines Modells des künftigen Konzerthaus-Saales die Akustik getestet. Musiker der Symphoniker zwängten sich dazu in die enge Box und spielten ihre Instrumente – rings um auf Augenhöhe in Miniatur (Maßstab 1:20) die Konzerthaus-Ränge sowie diverse Messsonden. Die Konsequenzen dieser Tests: Die Innenverkleidung wurde überarbeitet: Statt glatt wird sie nun „gefächert“, um den Schall von den Wänden ideal in die Raummitte zu spielen.

Kritik, weil 84 Bäume weichen müssen

So groß das Lob aber für den Klang ausfällt, so laut ist die Kritik an Standort und damit einhergehenden Baumfällungen. Diese üben vorrangig der Bund Naturschutz und die Grünen – obwohl letztere bis zu Beginn der neuen Legislaturperiode das Vorhaben noch mitgetragen hatten. 2015 hatte der Stadtrat beschlossen, für ein Konzerthaus einen Standort zu suchen. „Wir haben alle irgendwie denkbaren Plätze überprüft“, erinnert sich der SPD-Stadtrat Ulrich Blaschke. Am Schluss habe man sich für den kleinen Parkplatz der Meistersingerhalle entschieden.

84 Bäume müssen dazu nun gefällt/versetzt werden. Für den Bund Naturschutz eine Zerstörung des teils Jahrhunderte alten Baumbestandes.

Für Vertreter der SPD, der Freien Wähler und der Politbande hinnehmbar, weil die Bäume zum Teil längst nicht mehr „so vital“ seien

AnzahlStammumfangDurchmesser
18bis 79cmbis ca. 25cm
22bis 150cmbis ca. 48cm
33bis 250cmbis ca. 80cm
11mehr als 250cmmehr als 80cm
Aufstellung über den Baumbestand des Planungs- und Baureferats. Verpfalnzt werden 1 Roteiche (90cm Stammumfang; 1 Baumhasel; Stammumfang 60cm). Quelle: Konzerthaus-Kommission

und zudem die Nachpflanzungen großzügig ausfallen sollen: „Für die 84 zu fällenden Bäume, müssen mindestens 121 neu gepflanzt werden, die Stadt wird 242 setzen. Im Luitpoldhain und auch in der Südstadt, da es dort an Grün mangelt“, meint Ulrich Blaschke (SPD).

Außerdem soll die Dachfläche des neuen Konzerthauses sowie das Dach des Kassenbereichs der Meistersingerhalle begrünt werden. Damit entstehen laut Alexander Leupold vom städtischen Baureferat bienen- und insektenfreundliche Flächen mit einer Gesamtgröße von gut einem Fußballfeld. Derzeit laufen die dazu vorbereitenden Maßnahmen auf dem Dach der Meistersingerhalle.

Die gefährdete Frischluftschneise, die vom Luitpuildhain als eine Art natürliche Klimaanlage Wind in die bebauten Gebiete der Umgebung strömen lässt, bleibe laut den Planern auch unbeeinträchtigt. Diese Sorge hatte zuvor der Bund Naturschutz geäußert, insbesondere auch wegen dem Abriss/ Neubau des Hotels Ramada neben der Meistersingerhalle. „Dort wird nun aber nur saniert“, berichtet Jürgen Dörfler, der für die Freien Wähler in besagter Konzerthaus-Kommission sitzt.

Definitiv keine Rock- und Pop-Konzerte

Das neue Konzerthaus soll am Ende 1500 Sitzplätze bieten. Auch daran gab es vorneweg schon Kritik: Zu wenige hieß es von einigen Veranstaltern oder Konzertbüros. Sie schlossen deshalb im Vornheraus nicht aus, dass die Tickets für das Konzerthaus teurer werden könnten. Andreas Leupold vom Baureferat beschwichtigt: „Wenn kein Chor auftritt, kann auch hinter dem Orchester freigegeben werden. Und dann sind es 1700 Sitzplätze.“ Es sei laut Ulrich Blaschke (SPD) wie mit der Eule-Orgel, die das Konzerthaus kriegen soll: „Man braucht sie nicht für alle Stücke. Aber manche funktionieren eben nur mit Chor oder Orgel.“  

Wohlgemerkt Sitzplätze: Pop- und Rockkonzerte werden in dem Neubau also nicht stattfinden, denn wer will bei einem Rockkonzert schon sitzen? Hoch- statt Pop-Kultur also. Die „Politbande“, die zur Kommunalwahl 2020 als Vertreter der Subkultur angetreten ist und mit einem Vertreter (Ernesto Buholzer Sepúlveda) im Stadtrat sitzt, begrüßt das Vorhaben trotzdem – und hofft laut Mitglied Johannes Weichelt weiterhin, „dass irgendwann die Hoch- und Subkultur gemeinsam unter ein Dach finden“. Er ergänzt: „Wir hoffen außerdem, dass die Anbildung an das Konzerthaus zukunftsgerecht gestaltet wird, also weiterhin mit Rad und ÖPNV leicht möglich ist und nicht allzu viel für Prestige ausgegeben wird. Das wäre gerade jetzt in Zeiten von Corona kein gutes Signal.“

Die Sorgen der lokalen Kulturszene hat natürlich auch Kulturbürgermeisterin Julia Lehner nicht überhört. Sie hat sich zwar nicht gegenüber dem Lokalblog-nuernberg.de, aber schon einige Tage zuvor in Form eines offenen Briefes an die örtliche Kulturszene gewandt und unter anderem deutlich gemacht, wo die Stadt Nürnberg seit Beginn der Corona-Pandemie Unterstützung geleistet habe.

Die Innenansicht des künftigen Konzerthaussaals in Nürnberg – bewusst nur in schwarz-weiß. Nichts soll laut Alexander Leupold vom Baureferat von der geplanten Wirkung der Akustik (und der hierfür nötigen Elemente) ablenken. Foto: Planungs- und Baureferat/ Stadt Nürnberg

Die genauen Kosten für den Bau sind noch unklar. 50 Millionen Euro seien derzeit angesetzt, sagt Jürgen Dörfler, Stadtrat der Freien Wähler, der ebenfalls in der Konzerthaus-Kommission sitzt. „Allerdings begegnet einem diese Zahl als erste Schätzung bei verschiedensten Bauvorhaben in der Stadt immer wieder“, sagt er, „ich bin gespannt, wie zutreffend sie am Ende wirklich ist.“

Denn anders als beim Bau einer Schule oder eines Einfamilienhauses, lasse sich die Summe bei außergewöhnlichen Bauprojekten wie einer solchen Konzerthalle nicht von Anfang an genau beziffern, berichtet Ulrich Blaschke (SPD), der deshalb lieber gar keine Summe nennen möchte. Bei nicht alltäglichen Projekten wie diesem sei es üblich, von Planungsstufe zu Planungsstufe genauer zu werden. Und aktuell steckt das Projekt laut dem Büro der Kulturbürgermeisterin Julia Lehner erst am Ende der Entwurfsphase. Der Freistaat Bayern hatte derweilen (noch vor Corona-Zeiten) zugesagt, 75 Prozent der förderfähigen Kosten übernehmen zu wollen.

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Weitere Fördertöpfe (Kfw: 1 Millionen; Bafa: 1,2 Millionen Euro) könnten ebenfalls angegraben werden, berichtet Jürgen Dörfler. Deshalb ist man derzeit an der Meistersingerhalle auch am tief Graben: Die Bafa fördert das Heizen mit erneuerbaren Energien. Probebohrungen sollen nun zeigen, ob das neue Konzerthaus mit Erdwärme geheizt werden kann.

Meistersingerhalle und Opernhaus hängen mit drin

Erdwärme und Corona hin oder her: Nicht nur Oberbürgermeister Marcus König (CSU) hat angekündigt, am Vorhaben auf alle Fälle festzuhalten. Das Büro der Kulturbürgermeisterin bestätigt dies auf Anfrage von lokalblog-nuernberg.de. Womöglich auch, weil das Vorhaben ein Puzzlestein in der Bewerbung zur Kulturhaupstadt 2025 sein könnte. Was in der Stadtratssitzung im September bei den Haushaltsberatungen für 2022 dann aber doch fraglich sein könnte, sind die folgenden Schritte, die vor der Corona-Pandemie für die Zeit nach der Konzerthaus-Sanierung angedacht waren.

Die Idee: Erst das Konzerthaus bauen und dann die in den 1960er Jahren gebaute und damit in die Jahre gekommene Meistersingerhalle sanieren. Sie soll weiterhin als Mehrzweckhalle für (Pop-)Konzerte und Kongresse bis zu 1000 Personen (das sogenannte Mittelsegment) genutzt werden. Aber – und das könnte auf wackeligen Beinen stehen: Sie sollte auch als Interimsspielstätte für Oper und Tanztheater des Staatstheaters Nürnberg dienen, während das ebenfalls sanierungsfällige Opernhaus eine Frischekur erhält. Doch ob all das so, wie einst vorgesehen, zeitnah umgesetzt werden kann, weiß aufgrund der Corona-Einbußen im städtischen Säckel derzeit noch niemand. Die Haushaltsberatungen finden Ende September statt.

Was Du sonst noch tun kannst?

70-80% der Nürnberger Kultureinrichtungen können laut Selbstauskunft in einer freiwilligen Befragung nur noch bis Oktober überleben, wenn es keine neue Perspektiven gibt. Das sagt Johannes Weichelt von der Politbande, die die Umfrage mit Kulturliga e.V. im Juni/Juli zur Abfrage der Corona-bedingten, wirtschaftlichen Lage der Kultur in Nürnberg durchführte. „Irgendwann sind die Reserven aufgebraucht und die Subkultur war nun mal noch nie auf Gewinnmaximierung ausgelegt.“ Hilfsmöglichkeiten für alle: Spenden an Clubs und Einrichtungen. Hilfsmöglichkeiten der Stadt laut Weichert: „Bei unnachsichtigen Vermietern die Mieten (teilweise) übernehmen.“

Du bist Künstler und suchst einen Überblick über Fördermöglichkeiten. Oliver Wittmann von Bayern Kreativ verweist auf seine Aufstellung sämtlicher (bayernweiter) Möglichkeiten der Unterstützung.

Künstler:innen und ihre Arbeit kennenlernen: Der geschlossene Marientorzwinger wird demnächst „Kulturoase“ – eine Aktionsfläche, auf der diverse Veranstaltungen der freien Kulturszene stattfinden sollen. Einen dicken Zuschuss gibt’s von der Stadt. Die Idee zur Oase hatten Ernesto Buholzer Sepúlveda von der „Politbande“, Natalie Keller (Die Grünen) und Alexandra Thiele (Die Guten). Das Programm wird deren neu gegründeter Verein „Kulturoasis“ ausarbeiten. Mehr dazu wollen sie in den kommenden Tagen bekannt geben.

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Autor:in
Alexandra Haderlein