Annafest, Volksfeste, Kirchweihen: alles abgesagt. Allein am Nürnberger Volksfest sind durchschnittlich 170 Betriebe beteiligt. Der Ersatz für 2020 in Nürnberg: ein dezentrales Volksfest mit dem Titel „Nürnberger Sommertage“. Denn durch die Folgen der corona-bedingten Festabsagen bangen Schausteller:innen deutschlandweit um ihre Existenz. Was diesen Sommer in der Stadt geboten werden soll:

Vom Hauptmarkt bis zum Aufseßplatz: Ein Volksfest verteilt über ganz Nürnberg

16. Juli 2020

***UPDATE vom 27. Juli: Die von uns schon vor Tagen hier vorgestellten Ideen für ein dezentrales Volksfest wird Realität: Bei einer Pressekonferenz um 15 Uhr auf dem Hauptmarkt stellten Oberbürgermeister Marcus König, der Wirtschaftsrefetent Dr. Michael Fraas und der Chef des Süddeutschen Schaustellerverbandes Lorenz Kalb das Programm von 31. Juli bis 6.September (täglich von 11-21 Uhr, freitags und samstags sogar bis 22 Uhr) vor. Die Volksfest-Attraktionen und die zugehörigen Gastronomie-Angebote werden an verschiedenen Standorten in der Innenstadt verteilt (siehe interaktive Karte weiter unten auf dieser Seite). Unter anderem hat ein Riesenrad und eine Wilde Maus auf dem Hauptmarkt Platz gefunden.

Außerhalb der Innenstadt wird aktuell nur der Aufseßplatz und das Areal rings um die Dreieinigkeits-Kirche in Gostenhof bespielt. Lorenz Kalb vom Süddeutschen Schaustellerverband rief aber Vereine, Kultureinrichtungen und gerne auch „Einzelpersonen mit guten Ideen“ dazu auf, sich in der Nürnberger Zweiggeschäftsstelle unter Telefon (0911) 46 86 00 beziehungsweise per E-Mail zu melden, um gegebenenfalls am Ende den Sommer in der Stadt (natürlich unter Corona-Hygiene-Schutzauflagen) mitzugestalten. So kämen dann womöglich noch andere Stadtteile hinzu.***

Schausteller:innen trifft die Corona-Pandemie besonders hart. Durch das Verbot der Bundesregierung von Großveranstaltungen mit mehr als 1000 Personen bis 31. Oktober soll die Verbreitung des Virus‘ eingedämmt bleiben. „Manch einer mag sagen: Das sind doch nur ein paar Monate. Aber wir verdienen durch die Winterpause schon seit Weihnachten nichts mehr. Wir sind auf die Einnahmen ab dem Saisonbeginn im Frühjahr angewiesen“, sagt Friedrich Stahlmann, Chef von „Hax’n Liebermann“ und Vorstandsmitglied des Süddeutschen Schaustellerverbandes.

Fixkosten in bis zu fünf- oder gar sechsstelliger Höhe

Manches größere Fahrgeschäft koste schon mal zwei Millionen Euro, so Friedrich Stahlmann. „Aber das hat nur einen Wert, wenn man es aufbauen kann.“ Aktuell seien viele also wertlos. Die Fixkosten wie Leasingraten, Instandhaltungskosten, Hallenmieten und Co. laufen derweilen trotzdem weiter und belaufen sich laut der Münchner Buchhalterin Ana Aquila, die sich auf Schausteller:innen fokussiert hat, schnell mal auf fünf- bis sechsstellige Summen. „Da ist die Corona-Soforthilfe ein Tropfen auf den heißen Stein. Und andere Mandanten mit kleineren Betrieben, leben von geringen Einnahmen. Diese können die Soforthilfe gar nicht beantragen, weil es dazu Betriebsausgaben bräuchte, die sie dem ausbleibenden Gewinn entgegenstellen können. Doch die fehlen.“

Während die Besitzer:innen größerer Betriebe auf ihre Kredite setzen, bleibt den kleineren nur die Beantragung von Arbeitslosengeld. Laut dem 1. Vorsitzenden des Süddeutschen Schaustellerverbandes, Lorenz Kalb, für seine Kolleg:innen eine immense Hürde: „Wir sind es seit Generationen gewohnt, selbstständig eine Lösung für sämtliche Herausforderungen zu finden.“ Dass es erstmals in der Geschichte nicht ohne fremde Hilfe geht, macht vielen Schausteller:innen auch psychisch schwer zu schaffen, weiß Buchhalterin Ana Aquila.

Weg mit der Ungleichbehandlung

Der 1. Vorsitzende des Süddeutschen Schaustellerverbandes, Lorenz Kalb, und seine Kolleg:innen haben in den vergangenen Wochen in München und Berlin protestiert: Für einen finanziellen Rettungsschirm statt zurück zu zahlender Darlehen und vor allen Dingen für eine Gleichbehandlung aller Branchen. „Wenn unsere Kinder im Freibad gemeinsam im Planschbecken sitzen dürfen, muss es auch möglich sein, dass sie gemeinsam Karussell fahren können. Wenn es wieder erlaubt ist, dicht gedrängt im Flugzeug nach Mallorca zu fliegen, muss es erst recht gestattet sein, im Autoskooter nebeneinander zu sitzen“, sagte beispielsweise Albert Ritter, der Präsident des Deutschen Schaustellerbundes, bei der Demo in Berlin.

Jörg Löffler von den Eibacher Kärwaboum und -madla, die ihre Kirchweih im Juni coronabedingt ohne Murren absagten, kann das nachvollziehen: „Ich war vor zwei Wochen im Europapark. Man musste zwar mit Mundschutz fahren, aber ansonsten wurden die Wägen voll gemacht wie immer.“ Eine stichprobenartige Umfrage auf Facebook bestätigt diese Beobachtung auch für viele andere Freizeitparks in Deutschland. Der Kirchweihbursche fragt deshalb: „Wenn Freizeitparks öffnen dürfen. Warum kann man dann nicht auch eine Art temporären Freizeitpark auf dem Volksfestplatz etablieren?“

Temporärer Freizeitpark für Nürnberg wurde abgelehnt

Genau das hatte der Süddeutsche Schaustellerverband sogar ursprünglich am Volksfestplatz vor. Mit einem ausgefeilten Konzept, inklusive Sicherheits- und Hygienevorgaben (und der Unterstützung der Stadt Nürnberg) war Lorenz Kalb, der Vorsitzende des Süddeutschen Schaustellerverbandes, vor einigen Wochen nach München gereist. „Doch Gesundheitsministerin Melanie Huml (CSU) und Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler) schoben sich gegenseitig die Schuld zu.“ Lorenz Kalb sagt: „Es scheitert daran: Wir sollen zehn Quadratmeter pro Person bieten, das geht nicht.“ Aus dem Bundeswirtschaftsministerium heißt es dazu, dass die anvisierte Besucherzahl zu hoch und der Platz von 1,76 Quadratmetern pro Person zu niedrig gewesen sei.

Augsburg, München und Rosenheim sind Vorreiter für dezentrale Veranstaltungen

Welche Lösungen sind dann denkbar? Dazu lohnt ein Blick nach Augsburg, München, Gunzenhausen, Rosenheim aber auch anderen Städten in ganz Deutschland. Dort sind schon oder demnächst an vielen verschiedenen Orten in der Stadt Schausteller:innen anzutreffen, die zur Karussellfahrt oder dem Verzehr von Zuckerwatte und Schokofrüchten einladen. Nun also auch in Nürnberg wie der neue Pressesprecher der Stadt Nürnberg Andreas Franke bestätigte.

Instagram

Mit dem Laden des Beitrags akzeptieren Sie die Datenschutzerklärung von Instagram.
Mehr erfahren

Beitrag laden

Ein Münchner Herrenausstatter bewirbt die Alternativveranstaltungen zum Oktoberfest in München mit dieser Videocollage. Quelle: Instagram

Statt einer großen Veranstaltung für einen kurzen Zeitraum gibt es also in einem längeren Zeitraum viele kleinteilige, die über die ganze Stadt verteilt sind und teils sogar die hiesige Kulturszene mit einbinden. In München steht man schon in den Startlöchern: Theresienwiese, Königsplatz und sogar der Olympiapark werden zu unterhaltsamen Orten „umfunktioniert“, wie die tz berichtet. Durch solch eine räumliche Zerstreuung vermeide man, dass Ballungspunkte entstehen, heißt es dazu beispielsweise auch aus Rosenheim.

Denn Großveranstaltungen mit mehr als 1000 Personen hat die Bundesregierung weiterhin bis 31. Oktober verboten. Ich habe während der Recherche niemanden getroffen, der dafür kein Verständnis hat. Für einen verantwortungsbewussten Umgang plädieren alle. Die Kommunen und die jeweiligen Veranstalter mit ihren „Sommer in der Stadt“-Veranstaltungen wollen den Corona-Hyieneschutzauflagen mit einem pro Veranstaltung individuell ausgearbeiteten Schutz- und Hygienekonzept sowie der Vermeidung von besagten Ballungspunkten Rechnung tragen.

Sommer in der Stadt: die Stadt neu entdecken und Schausteller:innen retten

Die Augsburger Oberbürgermeisterin Eva Weber (CSU) vor deren Rathaus sich ein Kettenkarussell, eine Berg- und Talbahn für Kinder sowie ein weiteres Kinderfahrgeschäft drehen, wird mit Blick auf deren Sommer-Angebot von der örtlichen stadtzeitung.de mit den Worten zitiert: Es gehe darum den Bürgern „wieder ein Stück Normalität und Abwechslung zu bieten. […] Weil größere Veranstaltungen und Fernreisen nicht möglich sind, laden wir dazu ein, den Sommer hier in Augsburg zu erleben und die Stadt neu zu entdecken.“ Wäre das nicht auch eine Idee für Nürnberg: Wir machen „Urlaub zuhause“ und verhelfen Schausteller:innen und gegebenenfalls beteiligten Künstler:innen zu einem Teil ihrer Einnahmen?

Konstruktive Lokalnachrichten im Newsletter

Deine Stadt, Deine Themen, Deine Ideen: Verpasse nichts und sei exklusiv dabei!

✓ lösungsorientierte, unabhängige, seriös recherchierte Nachrichten
✓ wohldosiert und kostenlos
✓ einmal pro Woche direkt in Dein Mailfach
✓ wann und wie Du es brauchst
✓ zum Mitmachen und Mitbestimmen - weil Deine Meinung zählt!



Ein Anfang wäre bereits sogar gemacht: Statt des Bardentreffens wird Ende Juli eine Konzertbühne am Dutzendteich installiert, zu der man mit dem Schlauchboot paddeln kann, und im Stadtpark soll ein Kultur-Parcours entstehen, bei dem Bühnenbildner, Comiczeichner, Klang- und bildende Künstler „mindestens vier Wochen lang“ kostenlos für das Publikum, aber gegen Gage auftreten werden, zitiert nordbayern.de den Organisator Andreas Radlmeier vom Kulturreferat.

Verkaufsstände auch in Nürnbergs Nachbarstädten

Außerdem bietet die Stadt Nürnberg Schausteller:innen schon seit Wochen gegen Standgebühr sechs Verkaufsplätze in der Altstadt sowie 30 außerhalb an (siehe Karte). Es liegt an uns Bürger:innen dort nun auch zu kaufen.

Und es liegt an den Nachbarstädten und Gemeinden, es der Stadt Nürnberg gleich zu tun. Julian Stahlmann (28), Junior-Chef des „Hax‘n Liebermanns“ sagt zum Beispiel: „Wenn mehr Gemeinden in Anbetracht der Lage mitmachen, oder auch gerne Privatpersonen Flächen mit Strom-/Wasseranschluss anbieten würden, könnten statt großen Kirchweihen zumindest kleine Plätze mit zwei, drei Ständen bestellt werden.“

Seine Familie hat Anfang Juli einen Biergarten auf dem Grund ihres Winterlagers in Wintersdorf (Stadt Zirndorf) etabliert, um sich ein Stück weit von der Krise unabhängig zu machen. Ein Karussell und ein Schokofrüchtestand sollen in Kürze folgen, wünscht sich die Familie. Und Ideen für den Herbst und Winter schmiedet sie auch schon. Denn sie ist pessimistisch, was diese Saison angeht: „Das Verbot für Großveranstaltungen gilt derzeit bis 31. Oktober: Welche Volksfeste und Veranstaltungen sind denn dann noch? Da ist die Saison rum. Wenn dann auch noch eine zweite Welle kommt, fallen womöglich sogar die Weihnachtsmärkte flach. Da MUSS uns die Politik helfen“, meint Seniorchef Friedrich Stahlmann.

In Rosenheim beteiligen sich Stadt und Sparkasse

Egal, ob kleine oder große Lösung: Damit diese Angebote funktionieren, und die Schausteller:innen nicht in ein erneutes Fiasko rutschen, sind wir alle gefragt.

Hier lohnt ein Blick nach Rosenheim. Auch dort wird es ab 18. Juli dezentrale Sommerveranstaltungen geben. Veranstalter (und damit einen Großteil des Risikos) übernimmt die Landesgartenschau GmbH, eine 100-prozentige Tochter der Stadt Rosenheim. Die Stadt macht rund 200.000 Euro für das Projekt locker und auch die örtliche Sparkasse beteiligt sich „deutlich“, berichtet der Rosenheimer Wirtschaftsdezernent Thomas Bugl.

Wie gesetzlich vorgegeben, hat auch die Stadt Rosenheim ein ausgeklügeltes Hygiene-Schutzkonzept für ihr Kulturangebot erstellt und beobachtet kontinuierlich das Infektionsgeschehen.

Selbstdisziplin der Besucher:innen gefordert

Der Wirtschaftsdezernent Thomas Bug ist dabei unerbittlich, damit Rosenheim nicht zum medial inzwischen so oft zitierten „zweiten Ischgl“ wird: „Falls es nicht funktioniert, also die Disziplin der Bürger:innen fehlt oder der Ansturm zu groß wird, wird die Security ad-hoc abbrechen.“ Der Wirtschaftsdezernent ist aber zuversichtlich: „Es gibt hier bereits unabhängig vom ,Sommer in Rosenheim‘ einen temporären Gin-Garten und eine kleine Lokalmeile in der Stadt. Das klappt auch unter Corona-Hygienebedingungen dank Eigenverantwortung und Selbstdisziplin der Bürger ganz gut. Denn: Wir waren über Wochen hinweg ein Corona-Hotspot mit Lockdown. Das will keiner noch einmal.“

Eine Mahnung für alle, die sich in diesen Zeiten unter Menschen begeben, und ein Appell an unsere Disziplin. Denn genau die brauchen wir, wenn alle langfristig Spaß haben wollen und unsere Unterstützung für angeschlagene Branchen – von der Gastronomie, über die Kunstschaffenden bis zu den Schausteller:innen – wirklich ernst gemeint sein soll.

Trotzdem: „Die Politik muss uns helfen“

Trotz alledem ist laut den Schausteller:innen neben der unsrigen auch ganz besonders die Hilfe des Staates nötig, um die Branche zu retten. Friedrich Stahlmann vom „Hax’n Liebermann“ verweist dazu auf die kulturelle und wirtschaftliche Bedeutung. Die rund 5300 Schausteller-Unternehmen mit ihren gut 31.800 Beschäftigten verzeichneten laut einer Studie der Ift Freizeit- und Tourismusberatung GmbH im Auftrag des Deutschen Schaustellerbundes von 2018 etwa 350 Millionen Besucher:innen auf circa 9750 Volksfesten sowie rund 3000 Weihnachtsmärkte in Deutschland. Bruttoumsatz der Branche: mehr als 7,63 Milliarden Euro, die zu Teilen in die jeweiligen Kommunen zurückflossen.

Familie Stahlmann vom „Hax’n Liebermann“ in ihrem eigenen, jüngst errichteten Biergarten im Winterlager in Zirndorf.
Foto: Alexandra Haderlein

Friedrich Stahlmanns Frau Annette formuliert es so: „Meine Eltern standen nach dem Krieg 1948 am Nürnberger Christkindlesmarkt, obwohl sie nichts groß verdienten. Sie wollten, dass die Weihnachtsmärkte nicht aussterben.“ Nun sind sie es, die unser aller Hilfe brauchen, damit auch in den Folgejahren Spickerbuden, Süßwarenstände, Karussels und Autoskooter auf Festen in unserer Region für Abwechslung sorgen.

Wie siehst Du das: Was hältst Du von solch dezentralen Lösungen wie in Augsburg, München oder Rosenheim? Kannst Du Dir das auch für Nürnberg vorstellen? Kommentiere gerne den Beitrag hier auf dieser Seite!

Und das kannst Du tun:

Vereine und Kultureinrichtungen sowie Einzelpersonen „mit guten Ideen“ wurden explizit zum Mitmachen bei den Nürnberger Sommertagen aufgerufen. In der Nürnberger Zweiggeschäftsstelle des Süddeutschen Schaustellerverbandes könnt Ihr Euch per Telefon (0911) 46 86 00 oder per E-Mail melden.

Alternative 1 zur Fest-Absage: Beim Altstadtfest in Lauf gab’s eine Drive-In-Foodmeile für Fahrrad- und Autofahrer.
Alternative 2 zur Fest-Absage: Der Musikverein Weilersbach (Landkreis Forchheim) verkaufte zur „Kerwa to go“ Partykisten (Single, Family und XXL) mit Kirchweihspeisen.

Konstruktive Lokalnachrichten im Newsletter

Deine Stadt, Deine Themen, Deine Ideen: Verpasse nichts und sei exklusiv dabei!

✓ lösungsorientierte, unabhängige, seriös recherchierte Nachrichten
✓ wohldosiert und kostenlos
✓ einmal pro Woche direkt in Dein Mailfach
✓ wann und wie Du es brauchst
✓ zum Mitmachen und Mitbestimmen – weil Deine Meinung zählt!



Teilen